Türkei: Verhandlungsmacht erkennen und verbessern

Güray, der bei einem Automobilzulieferer in der Türkei arbeitet, besuchte mit anderen Gewerkschaftsvertreterinnen im Rahmen des Projektes Bildungsseminare und Betriebe in Deutschland und diskutierte mit deutschen Betriebsräten und GewerkschaftsvertreterInnen. Er kehrte mit vielen neuen Anregungen in die Türkei zurück. "Wir haben gelernt, neue Dinge wie freie Tage beim Tod von Familienangehörigen mit in die Tarifverhandlungen einzubringen. Oder wie wichtig klare Ziele bei Verhandlungen sind und wie durch besseren Informationsaustausch stärkerer Druck aufgebaut werden kann."

Beeindruckend fanden sie auch, wie durch kleine Maßnahmen wie Schutzbrillen und Handschuhe der Arbeitsschutz verbessert werden kann. Wenn diese Maßnahmen im Betrieb auch umgesetzt werden.  

Insbesondere der Ausbau der internationalen Solidarität ist ein wichtiges Ziel des Projektes. Nach wie vor stehen entscheidende Reformen zur Verbesserung von Arbeitnehmer- und Gewerkschaftsrechten aus. Auch wenn in der Türkei in den letzten Jahren zahlreiche Veränderungen erreicht werden konnten - im Arbeits- und Gewerkschaftsrecht war das leider nicht der Fall.

Wer in der Türkei in einer Gewerkschaft aktiv sein will, muss das vor einem Notar erklären. Gewerkschaftsmitglied kann nur sein, wer eine Festanstellung hat. Von 20 Millionen Arbeitnehmern sind daher lediglich 2,5 Millionen gewerkschaftlich organisiert und nur 700 000 werden von einem Tarifvertrag erfasst. Gewerkschaften können in 17 Branchen oder Industriezweigen gegründet werden. Dabei wird eine Gewerkschaft nur als tariffähig anerkannt, wenn mehr als die Hälfte der im Betrieb beschäftigten Arbeitnehmer Gewerkschaftsmitglied sind; mehr als 10% der Beschäftigten in diesem Sektor müssen in der betreffenden Gewerkschaft organisiert sein. Das Streikrecht ist sehr repressiv.

Diese Situation zu verbessern, ist Ziel des Projektes von DGB Bildungswerk, Metallgewerkschaft Birleşik und der Textilgewerkschaft Tekstil des Gewerkschaftsbundes DISK. Die Gewerkschaften und ihre Verhandlungsmacht sollen gestärkt werden. Aber auch Politik, Unternehmen und Gewerkschaften zusammenzubringen ist Teil des Projektes, um so gemeinsam an der Durchsetzung von Arbeits- und Sozialstandards in der Türkei zu arbeiten.

Wichtigstes Instrument zur Stärkung der Gewerkschaften sind Bildungsmaßnahmen sowie die Erfassung und Bearbeitung von Beschwerdefällen: Aktive und bisher weniger aktive GewerkschafterInnen beschäftigen sich mit Arbeitsrecht, Organisierung betrieblichem Gesundheitsschutz sowie mit der Geschichte der Gewerkschaften in der Türkei. Sie bekommen verschiedene Handlungsoptionen vorgestellt: Beschwerden werden systematisch erfasst und in Zusammenarbeit mit deutschen und internationalen Gewerkschaftsverbänden wird nach Lösungen gesucht.

Der Erfolg der Bildungsarbeit in der Türkei und Deutschland ist unmittelbar ablesbar: Nicht wenige der in den letzten Jahren gewählten GewerkschaftsvertreterInnen in den Betrieben haben kurz zuvor noch an Schulungen im Rahmen des Projektes teilgenommen. "Die Kurse haben mich direkt motiviert", sagt Bariş aus einem Stahl verarbeitenden Betrieb in der Nähe von Istanbul. Der vorher kaum aktive Arbeiter ist mittlerweile der höchste Gewerkschaftsvertreter im Betrieb. Verstärkt sollen auch Frauen und Jugendliche durch das Projekt erreicht werden, da sie zum Teil vielfältigen Formen der Diskriminierungen am Arbeitsplatz ausgesetzt sind. Zum ersten Mal wurde damit die traditionelle Gewerkschaftsarbeit durch Seminarangebote für Frauen und Jugendliche erweitert. Es entstand ein Frauenforum innerhalb der Gewerkschaft birlesic, das u.a. zum Internationalen Frauentag am 8. März eine Veranstaltung organisierte.

Broschüre: Ohne Not flieht niemand. Flucht – Asyl – Migration und Menschenrecht

Broschüre (2015/2016): Ohne Not flieht niemand. Flucht – Asyl – Migration und Menschenrecht heute

Umfang: 60 Seiten
© DGB Bildungswerk BUND,
Nord-Süd-Netz

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www.nord-sued-netz.de/medien/material-bestellen

Foto (re): Michael Gubi/flickr,
CC BY-NC 2.0

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Broschüre: Moderne Sklaverei. Nicht tolerierbar, nicht akzeptabel …

Broschüre (2016): Moderne Sklaverei. Nicht tolerierbar, nicht akzeptabel und nicht verhandelbar

Erscheinungsjahr: 2016
Umfang: 76 Seiten
© DGB Bildungswerk BUND,
Nord-Süd-Netz

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Foto (re): Cícero R. C. Omena/flickr,
CC BY 2.0 

 

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Arbeiten und Wirtschaften in den Grenzen des Wachstums.

Broschüre (2017): Arbeiten und Wirtschaften in den Grenzen des Wachstums. Die Rolle der Gewerkschaften in einer ökologischen und sozialen Transformation.

Erscheinungsjahr: 2017
Umfang: 68 Seiten
© DGB Bildungswerk BUND,
Nord-Süd-Netz

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Foto (re): Boris Ott / flickr,
CC BY-NC 2.0

 

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Newsletter Nord|Süd news, Ausgabe III/2018

Newsletter Nord|Süd news, 
Ausgabe III/2018

Demokratie in Gefahr: Arbeitnehmendenrechte müssen verteidigt werden; Der Kommentar: Ein neues Entwicklungsmodell ist gefragt!; Brasilien: Die Herausforderung Bolsonaro; Argentinien: Mit Generalstreiks gegen Sparpolitik; Kolumbien: Lieber groß und gemeinsam; Ecuador: Internationaler Druck stärkt lokale Strukturen; Aus den Projekten: Globale Herausforderungen lokal denken u.a.

Hier lesen oder downloaden:
http://www.nord-sued-netz.de/nordsuednews/2018-iii

 

Ausschnitt Infografik (re): © ITUC CSI IGB

 

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