Der 4. Weltkongress des IGB

„Die junge Generation braucht eine Chance“

Joscha Wagner hat den Weltkongress als Delegierter der DGB-Jugend und Mitglied des IGB-Jugendkomitees erlebt. Jürgen Kiontke sprach gleich im Anschluss mit ihm.

Nord | Süd news: Joscha, Du warst für die DGB-Jugend beim IGB-Kongress. Das Motto lautete „Building Workers’ Power“. Ist das gelungen?

Joscha Wagner: Das Motto hatte noch den Untertitel „Die Regeln neu festlegen“. Natürlich kann ein Kongress allein diese Forderungen nicht umsetzen – ich habe das Motto eher als Auftrag für die kommenden vier Jahre verstanden. Ich denke, dass es durchaus gelungen ist, die internationale Gewerkschaftsbewegung für die Zukunft zu stärken, in organisatorischer wie inhaltlicher Hinsicht.

Was sind die brisantesten Probleme für die Gewerkschaften weltweit?

Einerseits autoritäre Regierungen, die fast immer auch eine neoliberale Politik durchsetzen und die Rechte von Gewerkschafter_innen einschränken. Sei es in Europa, wie etwa in Österreich, dort soll etwa die betriebliche Jugendvertretung abgeschafft werden; oder nun auch verstärkt in Lateinamerika. Andererseits die Krise des Multilateralismus, die unsere Handlungsmöglichkeiten auf internationaler Ebene einschränkt. Am Ende hängt beides aber, siehe den US-Präsidenten Donald Trump, auch wieder miteinander zusammen.

Spielen die Interessen der jungen Beschäftigten in der internationalen Gewerkschaftsszene eine Rolle?

Die Anliegen unserer Generation finden sich an zahlreichen Stellen des beschlossenen Gesamtpapiers, etwa hinsichtlich des Zugangs zu Bildung, Armut trotz Arbeit, Jugendarbeitslosigkeit, aber auch im Hinblick auf Kinderarbeit. Sie spielen also durchaus eine Rolle. Tatsächlich wurden diese Themen jedoch überwiegend von der „Jugend“ selbst angesprochen. Hier hatte ich mir mehr Engagement der „Erwachsenen“ erhofft.

Wie viele von den Delegierten waren unter 27 Jahre?

Insgesamt war ein Jugendanteil von 15 Prozent je Delegation angepeilt, der mit 9,6 Prozent jedoch deutlich unterschritten wurde. Das haben wir auch im Plenum deutlich kritisiert – und die Verbände aufgefordert, der jungen Generation eine Chance zu geben, die zukünftigen Probleme selbst anzupacken. Damit das nicht vergessen wird, haben wir uns auch als Jugend übergreifend organisiert und wollen im Hinblick auf den nächsten Kongress für einen höheren Anteil Jugendlicher in den Delegationen werben und streiten.

Was sind die Hauptprobleme junger Beschäftigter?

Dringend scheint in vielen Ländern, überhaupt erst einmal gute und zukunftssichere Beschäftigungsmöglichkeiten für junge Menschen zu schaffen. In zahlreichen Redebeiträgen ging es immer wieder um mangelnde Existenzsicherung von jungen Menschen, die es überall gibt, etwa weil sie von Mindestlöhnen und anderen Gesetzen ausgenommen sind. Als DGB-Jugend haben wir unser Konzept der Mindestausbildungsvergütung im Plenum vorgestellt und dafür großen Zuspruch erhalten.

In Deutschland spricht die Gewerkschaftsjugend über die Digitalisierung der Ausbildung und gesetzliche Veränderungen bei der Berufsbildung. Sind das auch international Themen?

Unsere Diskussionen spiegeln sich global, auch wenn das hiesige Modell der dualen Berufsausbildung fast einzigartig ist. International spielt vor allem die grundlegende Verrechtlichung und Regelung der Ausbildung eine Rolle, da in den meisten Ländern junge Menschen nicht ausgebildet, sondern nur auf einen Beruf angelernt werden – zu oft ohne gesetzliche Vorgaben, das wurde deutlich kritisiert.

Konnte die DGB-Jugend Anträge einbringen?

Die Antragsberatung war auf dem Kongress anders gestaltet als bei uns üblich. Statt einzelnen Anträgen wurde ein umfassendes Gesamtpapier diskutiert, das auf vier Säulen fußte: Frieden, Demokratie und Rechte; Regulierung der Wirtschaftsmacht; Globale Verschiebungen – Gerechte Übergänge; Gleichstellung. An jedem Tag wurde eine Säule im Plenum diskutiert, wenngleich Überschneidungen in der Debatte natürlich nicht ausblieben. Wir haben die Änderungsanträge des DGB unterstützt.

Was hat dich überrascht?

Inhaltlich war schnell ersichtlich, dass Uneinigkeit beim Umgang mit dem Nahost-Konflikt bestand. Einige Redebeiträge in diesem Kontext entgleisten völlig, was die Schuldzuweisungen an Israel und die dabei verwendete Sprache betraf. Hier zeigte sich, dass die kürzlich erfolgte Erneuerung des Beschlusses der DGB-Jugend zu Israel-Boykotten absolut richtig und notwendig war. Wir werden prüfen, wie wir den Umgang mit Antisemitismus zum Thema auf der internationalen Ebene machen können.

Der Befragte:

Joscha Wagner, 25, ist ehrenamtlich in der IG Metall aktiv und vertritt die DGB-Jugend im Jugendkomitee des IGB. Am Weltkongress in Kopenhagen nahm er als Delegierter teil.

Der Interviewer:

Jürgen Kiontke, DGB- Jugend

 

„Die junge Generation braucht eine Chance“

Einer der jüngsten Teilnehmer_innen – aber gleich mit Redebeitrag: Joscha Wagner

Foto: © DGB-Jugend

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