Demokratie in Gefahr – Kolumbien

Lieber groß und gemeinsam

Die Gewerkschaften in Kolumbien richten sich neu aus und setzen auf Zusammenarbeit mit Partnern weltweit. Bei den Transportarbeiter_innen zeigen sich bereits Erfolge.

Buenaventura heißt der größte Pazifikhafen Kolumbiens. Esteban Barboza, der Präsident der Gewerkschaft der Transportarbeiter, SNTT, hatte dort in den letzten Monaten immer wieder zu tun. Es gab Konflikte mit den Betreibern mehrerer Terminals. „Am Ende hat das Arbeitsministerium vermittelt“, erklärt er. „Wir haben einen Etappensieg für die Festanstellung errungen.“ Es ist ein Erfolg nach schwierigen Jahren.

Barboza ist ein schlaksiger 55-Jähriger und steht für die gewerkschaftliche Neuausrichtung in Kolumbien. „Unsere Gewerkschaftsbewegung hat durch den Terror gegen unsere Organisationen seit Mitte der 1980er Jahre stark an Mitgliedern verloren“, sagt er. Damals waren rund zwanzig Prozent der Arbeitnehmer_innen in einer Gewerkschaft, heute sind es nur knapp fünf Prozent. Tausende Gewerkschaftsaktivist_innen wurden ermordet, andere latent bedroht, Arbeitnehmer_innen zogen sich zurück. Barboza nicht, obwohl er selbst bedroht wurde und deshalb 2006 ein halbes Jahr nach Spanien ins Exil ging. Barboza stammt aus der Hafenstadt Cartagena de Indias, hat als Taxifahrer und Hafenarbeiter gearbeitet und ist seit langem auch für den größten gewerkschaftlichen Dachverband, die CUT, aktiv.

Die CUT war traditionell auf Betriebsebene organisiert. Als die Mitgliederzahlen sanken, erschien das jedoch immer weniger sinnvoll. Ende 2006 plädiert Barboza deshalb auf dem CUT-Kongress für den Umbau des größten der drei Gewerkschaftsdachverbände in Kolumbien. „Ich wollte nicht tatenlos zusehen, wie wir in immer kleinere Einheiten zerrieben werden“, sagt er. Seither gibt es 18 große Sektorengewerkschaften, im Transport und Logistiksektor ist es die SNTT, Barboza koordiniert deren Aufbau seit Beginn. Auf 26 positive Tarifvertragsabschlüsse kann er verweisen. Insgesamt will er rund 1,46 Millionen Arbeitnehmer_innen aus dem Transport- und Logistiksektor besser organisieren und vertreten. Leicht ist das nicht.

Das Gros arbeitet ohne offiziellen Arbeitskontrakt in den Terminals der Häfen, beim Logistiker oder als Bus-, Taxi- oder Truckfahrer_in. „Unser Ziel ist es, aus informellen Jobs formale Arbeitsverhältnisse zu machen und unsere Mitgliederzahl zu steigern“, sagt Barboza. Outsourcing und die geringe Akzeptanz für Gewerkschaften bei den Unternehmen erschweren ihm die Arbeit. Daran werde sich unter der neuen Regierung von Präsident Iván Duque, der dem erzkonservativen Centro Democrático angehört, wenig ändern, meint der Gewerkschafter.

Hafen von Cartagena; Foto: © Knut HenkelFür die Arbeit hier gibt es meist keinen offiziellen Vertrag – Hafen von Cartagena; Foto: © Knut Henkel

 

 

 

 

 

 

 

Die Zeiten, wo Gewerkschafter_innen in die direkte Nähe der Guerilla gerückt wurden, seien „zwar weitgehend vorbei“. Aber die neue Regierung trete für die Modifizierung des Friedensabkommens mit der FARC-Guerilla ein. Das ist die eine Sorge, die ihn treibt. Die andere ist, dass Steuersenkungen für Unternehmen und Steuererhöhungen für die einfache Bevölkerung angekündigt sind. Doch Barboza und seine Mitstreiter_innen bekommen Rückendeckung. Innerhalb der CUT hat er sich immer auch für den Ausbau der Zusammenarbeit mit den global agierenden Gewerkschaftsföderationen wie IndustriAll im Industriesektor, die in Genf sitzt, eingesetzt.

So schrieben erst im August 2018 sieben große internationale Gewerkschaftsverbände einen gemeinsamen Brief an den Präsidenten, um darauf aufmerksam zu machen, dass die steigende Zahl von Morden an sozialen und politischen Aktivist_innen sie sorgt. Ähnliches brachte Barboza bei der SNTT selbst voran. Dort stärkte er die Verbindungen mit der Internationalen Transportarbeiter-Föderation ITF, die in London ansässig ist. Im Dezember 2017 reiste beispielsweise der komplette ITF-Vorstand zur ITF-Regionalkonferenz Lateinamerika/Karibik im kolumbianischem Cartagena de Indias an. Sie wollten, sagte ITF-Generalsekretär Stephen Cotton, ausdrücklich ein Zeichen für Arbeits- und Menschenrechte setzen und die SNTT unterstützen. Das hat Wirkung. Gerade ist eine Gewerkschaft des öffentlichen Nahverkehrs im kolumbianischen Medellín der SNTT beigetreten.

Auch bei den Arbeitskämpfen in Buenaventura sorgte die internationale Vernetzung mit für den Erfolg. In dem Hafen betreibt die dänische Reederei Maersk ein Terminal. Kolleg_innen aus Dänemark und von der ITF in London haben den direkten Draht zur Firmenleitung aufgenommen.

Knut Henkel
 

Der Autor lebt in Hamburg und reist regelmäßig nach Kolumbien.

Kolumbien – Lieber groß und gemeinsam

„Ich wollte nicht tatenlos zusehen, wie wir in immer kleinere Einheiten zerrieben werden.“ – Esteban Barboza, Präsident der Gewerkschaft der Transportarbeiter in Kolumbien

Foto: © Knut Henkel

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