Aus Projekten und Kampagnen

Globale Herausforderungen lokal denken

Unternehmen wie der US-Konzern Amazon drängeln sich überall rein und verschieben Machtverhältnisse. Gewerkschafter_innen müssen dagegen halten, zum Beispiel mit ihrer Vision für faires Wirtschaften. Die Debatte dafür organisiert das Nord-Süd-Netz zum Beispiel mit seiner Broschüre zur großen Transformation oder mit Seminaren.

Groß und gnadenlos? Der US-Konzern Amazon steht unter den reinen Onlinehändlern weltweit schon lange an der Spitze. Seit 2017 gehört er nun auch zu den größten Einzelhändlern der Welt. Und erst in diesem Sommer meldete er wieder einen Rekordgewinn: umgerechnet 2,1 Milliarden Euro im zweiten Quartal 2018. Der Höchstwert lag bis dahin noch bei 1,6 Milliarden Euro. Er war in den drei Schlussmonaten des vergangenen Jahres erreicht worden.

Amazon drängelt sich überall rein, zementiert seine Dominanz. Längst geht es nicht mehr nur um den traditionellen Onlinehandel, sondern auch um Geschäfte mit künstlicher Intelligenz, mit Lebensmitteln oder mit Speicherplätzen in der Cloud. Das schafft neue Machtverhältnisse und extreme Ungleichgewichte. Gewerkschafter_innen stehen vor neuen Aufgaben. Denn zugleich werden Amazon Steuertricks vorgeworfen, warnen Datenschützer vor dem Konzern als Datenkrake, weil er über die Sprachsteuerungs-App „Alexa“ immer mehr Wissen über Kunden sammelt. Und Beschäftigte, Gewerkschaften und Zulieferer klagen über schlechte Vertrags- und Arbeitsbedingungen.

Alexa: „Die Fangarme der Datenkrake“ Amazon; Foto: methodshop / flickr, CC BY-SA 2.0Alexa – „Die Fangarme der Datenkrake“ Amazon; Produktfoto: methodshop / flickr, CC BY-SA 2.0

 

 

 

 

 

 

 

Welche Rolle wollen die Gewerkschaften da spielen? Wie wichtig wird die internationale Solidarität? Und: Welche Visionen gibt es für eine Wirtschaft, die Wachstum nicht über alles stellt? Das sind für Sonja Gündüz, Projektleiterin für Bildungs- und Informationsarbeit in Deutschland im Nord-Süd-Netz des DGB Bildungswerk BUND, „entscheidende Fragen für die künftige Gewerkschaftsarbeit“. Sie hat sie aufgeworfen in der Broschüre „Arbeiten und Wirtschaften in den Grenzen des Wachstums. Die Rolle der Gewerkschaften in einer ökologischen und sozialen Transformation“ – und trifft damit einen Nerv. Die erste Auflage ist längst vergriffen, die neue jetzt gedruckt.

Das Heft steht exemplarisch für die Bildungs- und Informationsarbeit des Nord-Süd-Netzes in Deutschland. Denn neben den zahlreichen internationalen Projekten, die das Nord-Süd-Netz ausmachen, gehört auch das „Inlandsprojekt“ dazu. Gündüz sagt: „Wir müssen den nationalen und internationalen Kontext angesichts der Globalisierung der Wirtschaft zusammen denken.“

Das entspricht auch dem, was die Vereinten Nationen in ihren sogenannten Nachhaltigkeitszielen skizziert haben. Gleich 17 Ziele und 169 Unterziele haben sich die Staaten der Welt bereits im September 2015 für eine nachhaltige, also zukunftsfähige, Entwicklung gesetzt. Die Ziele zeigten wie „global vernetzt wir sind“, formulierte CSU-Bundesentwicklungsminister Gerd Müller damals. Niemand könne mehr sagen, was in Lateinamerika oder Asien passiere, gehe ihn nichts an. Die Ziele gelten auch für die Industriestaaten, also „auch für uns“, so Müller.

„Ohne die anderen Ziele aus dem Blick zu verlieren, sind für die Gewerkschaftsarbeit vor allem die Ziele 8 – Menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum, 10 – Weniger Ungleichheiten und 12 – Nachhaltiger Konsum und Produktion  maßgeblich“, sagt André Edelhoff, der das Nord-Süd-Netz leitet.

Das spiegelt sich in den Seminaren des DGB Bildungswerk BUND wider, die neben aktuellen Nachrichten auf der Webseite oder dem Newsletter eine Art Herzstück des mittlerweile zehnjährigen Inlandsprojektes sind. In den letzten Jahren wurden sie immer zahlreicher, die Nachfrage ist groß. Jede und jeder kann sich unter www.nord-sued-netz.de anmelden. Ein Seminar in diesem Jahr trägt zum Beispiel den Namen: „Die Grenzen des Wachstums sind erreicht! Wie könnte eine alternative Wirtschaft aussehen?“ Ein anderes heißt: „Vom Wirtschaftsboom in den Korruptionssumpf: Zeitenwende in Brasilien?“ Oder auch im Angebot: „Chic aber schmutzig – Die Kosten der billigen Mode.“

Ein weiteres Seminar weist auf ein Thema hin, dass Edelhoff und Gündüz in den nächsten Monaten stärken wollen. Der Titel: „Der Griff nach Nahrung – Interessen der Märkte contra Menschenrecht auf Nahrung.“

Der Hintergrund: Jede_r neunte Weltbürger_in ist laut dem aktuellen Ernährungsbericht der UN von Hunger oder Unterernährung betroffen. Derweil sind im Fleischsektor zum Beispiel zwei brasilianische Firmen, JBS und BRF, global führend. So steht es im Konzernatlas 2017, einer Datensammlung unter anderem von der Hilfsorganisation Oxfam, dem Bund für Umwelt und Naturschutz und der Heinrich-Böll-Stiftung. Darin findet sich auch diese Angabe: Der britisch-niederländische Unilever-Konzern kontrolliert zusammen mit dem indischen Unternehmen Tata sowie Associated British Foods rund 80 Prozent des globalen Teehandels. Und auch in Deutschland fordert der DGB Bundeskongress 2018 ein nachhaltiges Lebensmittelsystem zu etablieren, bei der die Umwelt geschont wird und gute und sichere Arbeitsplätze erhalten bleiben.

Hanna Gersmann
 

Globale Herausforderungen lokal denken

Ausschnitt Titelseite Broschüre „Arbeiten und Wirtschaften in den Grenzen des Wachstums"

Vektorgrafik: © Kristaps Eberlins/123rf.com

Printversion bestellen: www.nord-sued-netz.de/medien/material-bestellen

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