Empowerment – Kommentiert

WM-Spiel braucht neue Regeln

Ohne die globalen Gewerkschaftsverbünde wüsste die Welt wenig von verletzten Menschen- und Arbeitsrechten außerhalb des eigenen Landes. Die Sklavenarbeit auf Katars WM-Baustellen ist dafür ein gutes Beispiel.

Wer wird Fußballweltmeister in Brasilien 2014? Wer gewinnt die Trophäe 2018 in Moskau? Wer Turniersieger 2022 in Katar? Das sind Fragen, die Sportfans weltweit bewegen wird. Der Sport steht im Vordergrund. Millionen konsumieren das Großereignis vor den Fernsehern, beim „Public Viewing“ und in den Stadien und fiebern dem Erfolg der eigenen Mannschaft entgegen. Ein Sieger steht schon vor jeder WM fest: die FIFA. Ein weltweiter Fußballverband, der sich unter anderem die Völkerverständigung durch Sport auf die Fahne geschrieben hat. Ein knallhartes, milliardenschweres Wirtschaftsunternehmen. Aber was heißt hier eigentlich Völkerverständigung? Die Bau- und Holzarbeiter Internationale (BHI) mit Sitz in Genf beschäftigt sich nicht zuletzt seit der Vergabe der Fußball-WM nach Katar mit den Arbeits- und Lebensbedingungen der Arbeiterinnen und Arbeiter rund um den Bau der Sportstätten – und macht diese öffentlich.

Der Emir in Katar will sein Land mit der Fußballweltmeisterschaft 2022 als modern und innovativ präsentieren. Weltweit buhlen multinationale Unternehmen um millionenschwere Aufträge. Hinter der Fassade jedoch herrschen Leid und Ausbeutung. Die Menschenrechte der rund 1,2 Millionen Wanderarbeiter unter anderem aus Nepal, Indien, Pakistan und zunehmend aus Rumänien werden systematisch verletzt. Die BHI zeigt der Weltöffentlichkeit mit ihrer Kampagne „Red Card for FIFA“, dass aller Glanz auf Knochen derer aufgebaut ist, die man auf Werbeprospekten nicht zeigt: die Wanderarbeiter. Wer hat sich vor der investigativen Reise des BHI für das in Katar geltende Rechtssystem „Kafala“ interessiert? Ein System, was den Wanderarbeiter im Land wie einen rechtlosen Sklaven an den Arbeitgeber bindet, der ihm den Pass abnimmt, den Lohn und die Arbeitszeit bestimmt? Keine einzige der europäischen Regierungen, deren Wirtschaftsministerien allesamt die Wirtschaftsbeziehungen zu Katar fördern, hat auf eine Veränderung gedrängt.

Und die ILO-Arbeitsstandards? Es gibt kein Recht für einen Wanderarbeiter, sich gewerkschaftlich zu organisieren. Hunderte Arbeiter sind ums Leben gekommen. Vielfach fehlt es an grundlegenden Regeln im Arbeits- und Gesundheitsschutz. Die Unterkünfte sind menschenunwürdig. Arbeiter berichten von ihrer Verzweiflung. Viele wollen nach Hause. Ohne Pass können sie das Land jedoch nicht verlassen. All das ist nun öffentlich. Die Medien berichten und die Empörung ist groß. Die internationalen Gewerkschaftsbünde, wie BHI und auch ITUC, haben die Welt wachgerüttelt.

Aber nun müssen endlich Veränderungen her: Katar muss rasch handeln: die Gesetze und die Praxis ändern. Wenn die FIFA die Macht hat, wie zuletzt Russland das Arbeitszeitgesetz über das Parlament auszuhebeln, wenn sie die Macht hat, wie bei der WM in Deutschland 2006, Südafrika 2010 und Brasilien 2014, das Business in ihrem Sinne zu bestimmen – dann muss sie endlich bei der Vergabe klare Regeln für das Arbeitsrecht im Sinne der Menschenrechte jetzt und für die Zukunft aufstellen. „Ohne Regeln geht es nicht.“ Das gilt nicht nur während der 90 Minuten im Spiel, sondern vor allem auch für die Arbeitsbedingungen derer, die das Spiel erst ermöglichen: der Bauarbeiter und aller anderen, die die Stadien und die Infrastruktur überhaupt erst erschaffen.

Dietmar Schäfers
 

Dietmar Schäfers ist stellv. Bundesvorsitzender der IG Bauen,
Agrar, Umwelt und Vizepräsident der BHI

WM-Spiel braucht neue Regeln

Für den Glanz der FIFA zahlen die Wanderarbeiter: Dietmar Schäfers zeigt darum mit dem BHI die rote Karte

Fotos: © Bau- und Holzarbeiter Internationale, IG BAU

 

 

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