Im Fokus: Kinderarbeit – Indien

Ohne den Anstoß von außen geht wenig

Initiativen zum Schutz von Kindern gibt es viele in Indien. Trotzdem ist die Zahl der arbeitenden Jungen und Mädchen weiterhin hoch. Ein Grund dafür ist die Zurückhaltung der nationalen Gewerkschaften.  

Kinderarbeit gehört in Indien noch immer zum Alltag. Man begegnet ihr vielerorts – in Restaurants und Privathaushalten, in Werkstätten und in der Landwirtschaft. Laut offizieller Statistik gehen in dem südasiatischen Land mindestens 12,6 Millionen Jungen und Mädchen im Alter von unter 14 Jahren einer Tätigkeit nach, die sie eigentlich nicht ausüben dürften. Dabei gibt es Gesetze, die Kinderarbeit verbieten. Hinzu kommen zahlreiche Initiativen staatlicher und nichtstaatlicher Organisationen, die immer wieder auf das Problem aufmerksam machen und sich für Verbesserungen einsetzen. Auch die indischen Gewerkschaften engagieren sich – und können auf einzelne Erfolge verweisen.

Unterstützt von der Internationalen Arbeitsorganisation ILO haben Ende 2012 im südlichen Bundesstaat Tamil Nadu Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften einen Aktionsplan zur Abschaffung von Kinderarbeit auf den Weg gebracht. Im Fokus stehen kleine und mittelständische Unternehmen in der Region Tiruvallur. Nach Angaben der ILO haben sich bislang mehr als 80 Firmen aus unterschiedlichen Branchen sowie deren Zulieferer und Vertriebspartner der Initiative angeschlossen.

„Die indischen Gewerkschaften sind sehr aktiv, wenn die Öffentlichkeit im Rahmen gezielter Kampagnen für ein Problem wie Kinderarbeit sensibilisiert werden soll“, sagt Sherin Khan von der ILO in Delhi. Doch das reiche nicht aus, um das Problem langfristig zu lösen. „Aufklärungskampagnen werden zwar wahrgenommen, aber die Frage lautet: Was verbessert sich für die Kinder und Familien tatsächlich?” In Tiruvallur stand deshalb die konsequente Durchsetzung der Gesetze gegen Kinderarbeit im Mittelpunkt. Allein in der Landeshauptstadt Hyderabad besuchten Projektteams mehr als 1.000 Elendsviertel, um arbeitende Jungen und Mädchen zu finden. Auf Bahnhöfen und Busbahnhöfen wurden Anlaufpunke für Kinder eingerichtet, die auf der Suche nach Arbeit ohne Angehörige unterwegs waren. Die Fünf- bis Vierzehnjährigen wurden aus ihrem Arbeitsumfeld geholt und zurück zu ihren Familien oder in Auffangzentren gebracht. Anschließend sorgten Sozialarbeiter/innen dafür, dass sie in Schulen oder andere Bildungseinrichtungen integriert wurden.

Steinebrechen in einem Vorort von Delhi;
Foto: © Crozet M./ILO

 

 

 

 

 

 

 

Aufgrund des öffentlichen Drucks verpflichteten sich zahlreiche Unternehmen, auf Kinderarbeit zu verzichten – ein Erfolg der engen Zusammenarbeit zwischen Behörden, Gewerkschaften, Arbeitgeberverbänden und betroffenen Familien. Bei dem Projekt habe vieles gut funktioniert, sagt Sherin Khan. „Allerdings wissen wir nicht, ob es nach seinem Auslaufen weiterhin Wirkung zeigt.“ Auch andernorts seien Leuchtturmprojekte oftmals nur „Inseln des Fortschritts“, die das Gesamtbild – also auch Ursachen von Kinderarbeit wie Armut – kaum beeinflussten. Deshalb sieht die Expertin die Gewerkschaften in der Pflicht. „Die großen Dachverbände hätten die Macht, das Thema dauerhaft auf die politische und gesellschaftliche Agenda zu setzen.“ Denn in Indien stehen Gewerkschaften traditionell Parteien nahe. So unterhalten z.B. die Kongresspartei sowie Kommunisten und Hindunationalisten eigene Dachverbände mit mehreren Millionen Mitgliedern.

Um nachhaltige Veränderungen auf den Weg zu bringen, müssten die Gewerkschaften zudem eigene Mittel in den Kampf gegen Kinderarbeit investieren, so Khan. Sie hätten die finanziellen und personellen Ressourcen, um etwa Netzwerke zur Kontrolle von Betrieben aufzubauen und Druck auf Arbeitgeber auszuüben. Sie könnten auch verstärkt im informellen Sektor tätig werden, wo es besonders viel Kinderarbeit gibt, der Grad gewerkschaftlicher Organisation aber gering ist. Laut Khan beteiligen sich die Gewerkschaften bislang jedoch fast ausschließlich an zeitlich und regional begrenzten Projekten, die von internationalen Geberorganisationen wie der ILO finanziert werden. Eigene Initiativen gebe es kaum. Über die Gründe dafür kann nur spekuliert werden – auch weil für diesen Beitrag mehrere Anfragen an die Dachverbände unbeantwortet blieben.

Stefan Mentschel

 

Grabsteine ohne Kinderarbeit

Zwei der großen Erfolgsgeschichten im Kampf gegen Kinderarbeit wurden in Indien geschrieben. Das Teppichsiegel Rugmark, heute Goodweave, half, Jungen und Mädchen aus den Knüpfereien zu holen. Aktuell arbeitet der Verein XERTIFIX, dessen Vorsitzende die ehemalige stellvertretende DGB-Vorsitzende Ingrid Sehrbrock ist, daran, mit einem Siegel für Steine aus Indien Ähnliches für Kinder in den Steinbrüchen zu erreichen. Die Ausgangsposition ist gut: Immer mehr Gemeinden in Deutschland wollen auf ihren Friedhöfen keine Grabsteine mehr dulden, die von minderjährigen ArbeiterInnen geklopft, gebohrt und gemeißelt wurden.

Der Teufel steckt aber im Detail. Die Stadt Nürnberg scheiterte mit diesem Ansinnen vor dem Bundesverwaltungsgericht in Leipzig, obwohl die Richter fanden, „die Verwendung von Grabmalen auszuschließen, die unter ausbeuterischer Kinderarbeit hergestellt wurden“, sei „ein verfassungsrechtlich legitimer Zweck”. Das Problem: Der Freistaat Bayern hatte es wiederum versäumt, für die Kommunen eine entsprechende rechtliche Grundlage zu schaffen.
 

Der Autor lebt und arbeitet in Delhi.

Kinderarbeit – Indien: Ohne den Anstoß von außen geht wenig

Das Eis, mit dem Fischer den frischen Fang kühlen, wird von Kindern in die Boote geschafft

Foto: © Crozet M./ILO

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