"Wir lernen selbstverständlich gegenseitig voneinander" - Interview mit Ronja Endres, Mitglied im Jugendkomittee des Internationalen Gewerkschaftsbunds

(20.12.2017 / Berlin / bwi) Was war in der internationalen Gewerkschaftsjugendarbeit in 2017 los und was sind die Themen für das nächste Jahr. Die NSN-Redaktion sprach mit Ronja Endres, Vertreterin der DGB-Jugend im Jugendkomittee des Internationalen Gewerkschaftsbunds.

NSN: Ronja, wieso brauchen junge Menschen in der internationalen Gewerkschaftsarbeit besondere Beachtung?

Ronja Endres: Dass es viele junge Menschen in der Arbeitswelt immer schwerer haben, eine Perspektive zu finden, ist ein globales Phänomen. In Deutschland haben wir noch eine relativ geringe Jugendarbeitslosigkeit, aber junge Menschen trifft die zunehmende Flexibilisierung auch hier mit voller Wucht, die Arbeitsbedingungen werden immer prekärer, das Arbeitsaufkommen dichter und ohne unbefristeten Vertrag finden sie keine Wohnung. Keine Situation, in der man gerne eine Familie gründen möchte – oder kann. In vielen Ländern sind jedoch schon die Erwerbslosenzahlen unter jungen Menschen katastrophal. Gar nicht zu reden von denen, die aus ihrer Heimat fliehen müssen. Das sind ja auch oft die Jungen, weil die Familien glauben, dass die den harten Weg am ehesten durchstehen und sie zuhause wegen Krieg oder Armut keine Perspektive sehen.

Was ist deren Situation?

Was man in einem Bürgerkrieg wie in Syrien oder auch was man in der Ukraine lernt, ist für das Arbeitsleben nicht dienlich: Man weiß, wie sich Bombenalarm anhört, fallende Bomben. Krisenherde bringen Generationen hervor, die nichts kennen als Konflikte. Das kann nicht gut sein.  Manche haben dort auch schon ein Studium oder eine Arbeit angefangen. Aber wenn sie weg müssen, werden sie dort rausgerissen und müssen woanders unter ganz anderen Bedingungen neu anfangen.  

Kann man über so etwas besser in eigenen gewerkschaftlichen Jugendstrukturen sprechen?

Das gehört nicht nur in diesen Rahmen, aber auch. Der deutliche Vorteil einer Jugendstruktur ist, dass man zunächst unter sich ist, und dass es dort einen Fokus auf die eigenen Themen  gibt, man nicht alles andere mitverhandeln muss. Denn auch außerhalb von solchen Extremsituationen haben junge Menschen andere Sorgen als ältere. Etwa den  schwierigen Einstieg ins Arbeitsleben. Und ich merke tatsächlich bei jeder Generation JAVis (Jugendausbildungsvertreter_innen, Anm. d. Red.), dass sie etwas Neues umtreibt:  Früher interessierte, wer die Fahrtkosten zahlt, jetzt die Digitalisierung. Es ist sowohl wichtig, dass das nicht untergeht, als auch dass man sich zunächst untereinander darüber verständigt, was man will. Die DGB-Jugend ist so sehr erfolgreich damit, Themen auf die Agenda auch des DGB zu setzen.

Du sitzt für die DGB-Jugend im Jugendkomitee des Internationalen Gewerkschaftsbundes. Was hast du dort über die Strukturen in anderen Ländern erfahren?

In Europa  gibt es Länder, wo die Strukturen den unseren ähneln, am meisten in Österreich. Aber je globaler man weg geht, desto weniger findet man eigene Jugendorganisationen. Das muss aber nicht schlecht sein, es sind einfach andere Traditionen. In Amerika zum Beispiel gibt es sowieso weniger Hierarchien, da ist der Young Workers' Congress ganz erfolgreich. Oft kann man aber froh sein, wenn es überhaupt einen Youth Officer gibt. Wobei das meist hauptamtliche Gewerkschafter_innen sind. Bei uns dagegen haben die Ehrenamtlichen viel zu sagen, es sind einfach andere Traditionen.

Der IGB hat seine Zentrale in Brüssel, der Gründungskongress fand in Wien statt, der zweite Kongress in Berlin, und der dritte wird Ende 2018 in Kopenhagen sein, das ist sehr europazentriert. Wo bleibt da der Rest der Welt?

Wer diese Treffen ausrichtet, ist natürlich auch eine Frage der Finanzierung.  Der IGB ist aber eine globale Organisation und vor meiner Zeit hatten wir auch einen Kongress in Kanada. Im Jugendkomitee haben wir Vertreter_innen aus allen möglichen Ländern. Die letzte Sitzung fand zum Beispiel in Washington statt. Und es gibt ja auch andere Möglichkeiten des Austauschs: Wir besprechen uns telefonisch und per Skype, wir haben eine WhatsApp-Gruppe, ich habe zum Beispiel einen Workshop in Palästina gemacht, bei dem es um Jugendstrukturen ging und eine SummerSchool in Aserbaidschan besucht, wo junge Leute sich austauschen konnten.

Ist das eine eher einseitige Unterstützung des globalen Nordens für den Süden?

Wir lernen selbstverständlich gegenseitig voneinander. Ein großes Thema ist fast überall Organizing, also wie man neue Mitglieder gewinnt – da haben die asiatischen Kolleg_innen zum Beispiel sehr wirkungsvolle Kampagnen. Auf den Philippinen hat SENTRO die „RESPECT fast food workers“-Kampagne gestartet und diese mit ihrer Jugendkampagne gekoppelt um so auch in die Schulen und die Gemeinden zu gehen um junge Leute für ihre Sache zu gewinnen.  Und wir sehen, dass Gewerkschafter_innen im globalen Süden noch unter ganz anderen Bedingungen arbeiten. Ein Kollege aus Pakistan war schon drei oder vier Mal im Knast für das, was er macht. Oder wir reden über die Bundestagswahl und unsere Sorgen angesichts des wachsenden Populismus - da erzählt eine philippinische Kollegin, dass ihr Freund auf der Straße erschossen wurde, weil er angeblich mit Drogen zu tun hatte. Mit solchen Bedrohungen haben wir hier zum Glück praktisch keine Erfahrungen mehr.

Gab es 2017 einen Erfolg, der dich besonders gefreut hat?

Wir bekommen so langsam einen Kontakt zur Internationalen Arbeitsorganisation, zur ILO. Dort gibt es jetzt eine Plattform „Decent Jobs for Youth“, bei der sie uns irgendwie vergessen hatten obwohl wir ja Experten sind für die Arbeitsbedingungen junger Menschen. Dort werden Kontakte gesammelt und  Beispiele für best practice vorgestellt. Ich habe zusammen mit der ITUC-Jugend-Koordinatorin in Genf  angerufen und offene Türen eingerannt  – das war der erste Schritt in eine  Zusammenarbeit. Wir kommen weiter, wenn wir das gemeinsame Ziel mit einem gemeinsamen Plan verfolgen.

Was werden die Themen 2018?

Neben der Zusammenarbeit mit der ILO wird uns die Schwächung der Demokratie, die Populismusdebatte in vielen Teilen der Welt weiter beschäftigen, ich sehe das als eine gemeinsame Herausforderung.

Ende 2018 findet wieder ein IGB-Kongress statt. Werdet ihr als Jugend dort besonders auffallen?

Auf jeden Fall! Wir wollen dort sichtbar sein. Am wichtigsten fände ich es, eine Jugendrede zu bekommen, nur für unsere Themen. Die sollte die Präsidentin des Jugendkomitees halten, Nana aus Ghana (Nana Koomah Brown-Orleans. d. Red.). Meine Idee ist, dass während dieser Rede alle jungen Menschen im Raum eine gemeinsame Aktion machen – das ist dann auf jeden Fall erhellend: Entweder wird klar, dass wir ganz viele sind. Oder, wenn nicht, dass dringend etwas getan werden muss, damit mehr junge Menschen mitmachen. Aber am Ende entscheiden wir natürlich als Gremium was wir tun wollen – demokratisch und fair.

Ronja Endres sitzt für die DGB-Jugend im Jugendkomitee des Internationalen Gewerkschaftsbundes (IGB).

Broschüre: Ohne Not flieht niemand. Flucht – Asyl – Migration und Menschenrecht

Broschüre (2015/2016): Ohne Not flieht niemand. Flucht – Asyl – Migration und Menschenrecht heute

Umfang: 60 Seiten
© DGB Bildungswerk BUND,
Nord-Süd-Netz

Hier bestellen:
www.nord-sued-netz.de/medien/material-bestellen

Foto (re): Michael Gubi/flickr,
CC BY-NC 2.0

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Broschüre: Moderne Sklaverei. Nicht tolerierbar, nicht akzeptabel …

Broschüre (2016): Moderne Sklaverei. Nicht tolerierbar, nicht akzeptabel und nicht verhandelbar

Erscheinungsjahr: 2016
Umfang: 76 Seiten
© DGB Bildungswerk BUND,
Nord-Süd-Netz

Hier bestellen:
www.nord-sued-netz.de/medien/material-bestellen

Foto (re): Cícero R. C. Omena/flickr,
CC BY 2.0 

 

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Arbeiten und Wirtschaften in den Grenzen des Wachstums.

Broschüre (2017): Arbeiten und Wirtschaften in den Grenzen des Wachstums. Die Rolle der Gewerkschaften in einer ökologischen und sozialen Transformation.

Erscheinungsjahr: 2017
Umfang: 68 Seiten
© DGB Bildungswerk BUND,
Nord-Süd-Netz

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www.nord-sued-netz.de/medien/material-bestellen

Foto (re): Boris Ott / flickr,
CC BY-NC 2.0

 

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Newsletter Nord|Süd news, Ausgabe II/2018

Newsletter Nord|Süd news, 
Ausgabe II/2018

Strategien des Arbeitskampfes: Angriff auf das Streikrecht; Kommentar: Streik im 21. Jahrhundert – vielfältig und unverzichtbar; Vietnam: Im Land der „wilden Streiks“; Griechenland: Generalstreik? Aber ja!; Deutschland: „Diese Spaltung schwächt die Kampfkraft der Gewerkschaften“; Aus den Projekten: Gewerkschaften stützen inhaftierten Lula da Silva u.a.

Hier lesen oder downloaden:
http://www.nord-sued-netz.de/nordsuednews/2018-ii

 

Foto (re): George Laoutaris / flickr, CC BY-ND 2.0

 

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