Leder- und Schuhproduktion in der Türkei: Report der Kampagne Change Your Shoes prangert Missstände an

(06.06.2017/Berlin/Inkota) Das INKOTA-netzwerk und die Kampagne für Saubere Kleidung haben eine Studie veröffentlicht, die massive Arbeitsrechtsverletzungen in der türkischen Schuh- und Lederindustrie aufdeckt. Die Staaten der Europäischen Union, allen voran Deutschland, sind die größten Abnehmer von Schuhen aus der Türkei. Deshalb fordern INKOTA und die Kampagne für Saubere Kleidung zusammen mit seinen Partnern von Change Your Shoes europäische Schuhunternehmen auf, die Einhaltung der Menschenrechte in Produktionsländern wie der Türkei sicherzustellen und darüber öffentlich zu berichten.
 

Die aktuelle Studie „Hier läuft was schief… – Arbeitsbedingungen in der türkischen Schuh- und Lederindustrie“ untersucht die Situation der Arbeiter in der türkischen Schuh- und Lederindustrie. Im Rahmen der Kampagne Change Your Shoes wurden zahlreiche Personen interviewt, die in Gerbereien, bei Lederverarbeitungsfirmen und bei Schuhproduzenten arbeiten. Ihre Aussagen zeigen, dass Arbeitsrechtsverletzungen in der türkischen Schuh- und Lederindustrie weit verbreitet und strukturell bedingt sind. Die Arbeiter berichten von Löhnen unter dem existenzsichernden Niveau, unzureichendem Schutz vor Gesundheits- und Sicherheitsrisiken am Arbeitsplatz und einem extremen Anstieg von informellen Arbeitsverhältnissen. Außerdem seien überlange Arbeitstage und die Diskriminierung von Gewerkschaften festzustellen.
In der Lederproduktion ist insbesondere der intensive Einsatz von Chemikalien ein großes Problem – mit massiven Auswirkungen auf die Gesundheit der Beschäftigten. Die Arbeiter in den Gerbereien und verarbeitenden Betrieben sind in dreierlei Hinsicht besonders gefährdet: Erstens können Mikroorganismen, die sich auf den rohen Häuten befinden, Infektionen wie Milzbrand oder Typhus auslösen. Zweitens verursachen Chemikalien, die zum Konservieren, als Lösungsmittel oder Gerbstoff verwendet werden (darunter das hochgefährliche Chrom VI), bei mangelndem Schutz Atemwegs-, Augen- und Hauterkrankungen bis hin zu Krebs. Drittens kann die Arbeit in ständig feuchten, staubigen oder lauten Arbeitsbereichen zu rheumatischer Arthritis, Atemwegserkrankungen und Hörschäden führen. Die Herstellung von Leder ist daher oft ein giftiges und gefährliches Geschäft.

Aylin*, Arbeiterin in einer Schuhfabrik in der Provinz Istanbul, berichtet: „Vor allem im Sommer, wenn es heiß ist, spüren wir die Wirkung der Chemikalien. Wir haben Husten und Übelkeit, sind schwach und können manchmal kaum das Gleichgewicht halten.“ Tarek*, ebenfalls Arbeiter in einer Istanbuler Schuhfabrik, ergänzt: „Es gibt keine Gesundheits- oder Sicherheitsmaßnahmen an den Arbeitsplätzen. Ich glaube, nicht mal der Staat kümmert sich um uns. Wir würden gefeuert werden, wenn wir uns zusammenschließen und dagegen protestieren würden.“

Der größte Abnehmer türkischer Schuhe ist die Europäische Union – allen voran Deutschland. Im Jahre 2015 importierten die EU-Staaten Schuhe im Wert von 162 Millionen US-Dollar aus der Türkei. Die türkischen Schuhunternehmen, die von einer Zollunion mit der EU profitieren, streben an, das Exportvolumen nach Europa in Zukunft massiv zu steigern.

Die Kampagne Change Your Shoes bemängelt, dass Politik und Wirtschaft in der EU zwar die politischen Entwicklungen in der Türkei kritisieren, aber gleichzeitig die Handelsbeziehungen zu dem Land ausbauen wollen. Europäische Schuhunternehmen würden direkt von den niedrigen Einkaufspreisen profitieren und seien deshalb mitverantwortlich für die Arbeitsrechtsverletzungen in der Türkei. Berndt Hinzmann von INKOTA sagt: „Das muss sich ändern. Jetzt ist die Zeit gekommen. Firmen und Politik müssen handeln und die Missstände abstellen. Durch Offenlegung und Berichtspflichten müssen Unternehmen glaubhaft machen, dass sie sichere Arbeitsbedingungen schaffen und die Menschenrechte bei der Arbeit einhalten.“

Um diesen Forderungen Nachdruck zu verleihen, hat die Kampagne Change your Shoes die Petition „Transparenz statt Versteckspiel“ gestartet. Diese richtet sich an sechs international bekannte Schuhunternehmen – darunter Deichmann und Birkenstock.

* Die Namen der befragten Beschäftigten wurden verändert, um ihre Identität zu schützen.

Broschüre: Kernarbeitsnormen der ILO – Gute Arbeit weltweit!

Broschüre (2014): Kernarbeitsnormen der ILO – Gute Arbeit weltweit!

Umfang: 60 Seiten
© DGB Bildungswerk BUND,
Nord-Süd-Netz

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Foto: © Marco Antonio Rezende/BrazilPhotos

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Broschüre: Ohne Not flieht niemand. Flucht – Asyl – Migration und Menschenrecht

Broschüre (2015/2016): Ohne Not flieht niemand. Flucht – Asyl – Migration und Menschenrecht heute

Umfang: 60 Seiten
© DGB Bildungswerk BUND,
Nord-Süd-Netz

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Foto: Michael Gubi/flickr, CC BY-NC 2.0

 

 

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Broschüre: Moderne Sklaverei. Nicht tolerierbar, nicht akzeptabel …

Broschüre (2016): Moderne Sklaverei. Nicht tolerierbar, nicht akzeptabel und nicht verhandelbar

Erscheinungsjahr: 2016
Umfang: 76 Seiten
© DGB Bildungswerk BUND,
Nord-Süd-Netz

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Foto (re): Cícero R. C. Omena/flickr,

CC BY 2.0 

 

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Newsletter Nord|Süd news, Ausgabe II/2017

Newsletter Nord|Süd news, 
Ausgabe II/2017

Türkei: Ausnahmezustand im Ausnahmezustand; Der Kommentar: Gewerkschaften im Kampf gegen Rechtspopulismus; USA: „Im Bauch des Monsters“; Philippinen: Geduld mit Duterte; Ungarn: Kaltgestellt aus Prinzip; Brasilien: „Arbeitsrechte stehen auf dem Spiel“; Aus den Projekten: Sonntags am Statue Square u.a.

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Foto: © Murat Bay

 

 

 

 

 

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