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Nach dem G20-Gipfel - Arbeitnehmerrechte statt „Handelsliberalisierung“: Kommentar von Sharan Burrow, Generalsekretärin des Internationalen Gewerkschaftsbundes ITUC

ITUC CSI IGB

(01.10.2017/Brüssel/ITUC) Kommentar von Sharan Burrow, Generalsekretärin des Internationalen Gewerkschaftsbundes ITUC. Die Autorin war im Sommer Teil des „Labour20“- Prozesses im Rahmen der deutschen G20- Präsidentschaft. Hier zieht sie eine Bilanz.

Auch wenn es einen kleinen Erfolg beim Klimaschutz gab: Es bestehen Zweifel an der Fähigkeit der G20, ihrem Auftrag gerecht zu werden und erwerbstätigen Menschen eine sichere Zukunft zu garantieren, basierend auf menschenwürdiger Arbeit und geteiltem Wohlstand.

Große Konzerne umgehen weiter die Steuer, und spekulative Investitionen nehmen weiter zu. Das vorherrschende Handelsmodell hat mit seinen multinationalen Lieferketten den jahrzehntelangen Trend der Lohnkostenarbitrage weiter verschärft, mit Hungerlöhnen, unsicheren und oftmals gefährlichen Tätigkeiten.

Es ist kein Zufall: Während die Ungleichheit einen historischen Höchststand erreicht hat, eskaliert das Misstrauen gegenüber dem Staat eskaliert und der Rechtspopulismus gewinnt an Boden. Wenn 73 Prozent der Menschen weltweit Angst vor dem Verlust ihres Arbeitsplatzes haben und 84 Prozent sagen, dass man vom Mindestlohn nicht leben kann, und wenn globale Lieferketten von informellen Tätigkeiten und moderner Sklaverei geprägt sind, dann geht die Forderung des IWF und der WTO an die G20, die Handelsliberalisierung und die „Strukturreform“ fortzusetzen, vollkommen in die falsche Richtung.

Zudem ziehen sich viele Länder in die Isolation zurück. Die britische Regierung verfolgt einen harten Brexit, die Regierung Trump ist nach innen gekehrt und unberechenbar, der türkische Präsident Erdogan herrscht immer autoritärer und in China kommt es zunehmend zu einer Machtzentralisierung.

Der Beschluss, den G20-Gipfel im Jahr 2020 in Saudi- Arabien abzuhalten, einer familiengeführten fundamentalistischen Theokratie, in der Frauen keinerlei Rechte haben und Millionen Wanderarbeitskräfte wie moderne Sklaven behandelt werden, unterstreicht das immense Demokratiedefizit innerhalb der G20.

Die diesjährige deutsche Präsidentschaft hat eine ambitionierte Agenda zugunsten der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer verfolgt: Arbeitnehmerrechte in Lieferketten, Verantwortung der Unternehmen durch eine „Sorgfaltspflicht“, existenzsichernde Mindestlöhne und Tarifverhandlungen zur Verringerung der sinkenden Lohnquote, Erwerbsbeteiligung von Frauen und jungen Menschen sowie Integration von Migranten und Flüchtlingen.

Die Arbeitsminister der G20 haben dazu überzeugende Rezepte vorgelegt und zudem erklärt, dass Verletzungen der Grundsätze menschenwürdiger Arbeit sowie grundlegender Prinzipien und Rechte bei der Arbeit nicht Teil des Wettbewerbs sein dürften. Dies ist ein wichtiges Ergebnis für die Gewerkschaftsbewegung, die ihren Sitz am Verhandlungstisch über den vom DGB organisierten „L20“-Prozess (Labour 20) genutzt hat, um unsere Argumente zu verdeutlichen.

Die Tatsache, dass die Staats- und Regierungschefs der G20 diese Agenda bestätigt und die Leitprinzipien der UN für Wirtschaft und Menschenrechte, die IAO-Erklärung über multinationale Unternehmen sowie die OECD-Leitsätze für multinationale Unternehmen und ihre Beschwerdeverfahren bekräftigt haben, ist zu begrüßen. Jetzt müssen Taten folgen.

Die Menschen brauchen Investitionen in Arbeitsplätze, in die Infrastruktur und die Pflegewirtschaft. Industrie 4.0 wird eine erfolgreiche wirtschaftliche Zukunft untermauern, denn sie haben nicht vor der Technologie Angst, sondern davor, dass sie selbst oder ihre Kinder keine Arbeit haben.

Deutschland war bei der Aufnahme von Flüchtlingen zwar weltweit führend, aber die G20 hat in diesem Jahr keinen Durchbruch erzielt. In der übergeordneten Frage der weltweiten Migration bietet das globale Migrationsabkommen der UN den Gewerkschaften und anderen progressiven Kräften jedoch die Möglichkeit, unserer Forderung nach einer auf dem internationalen Rechts- und Menschenrechtsrahmen und vor allem den ILO-Normen basierenden Migrationspolitik Nachdruck zu verleihen.

Ganz wichtig ist, dass die Migranten das Recht auf Arbeit haben, mit denselben Absicherungen und Rechten wie andere Beschäftigte auch. Globale Maßnahmen zur Beendigung von Missbräuchen bei der Vermittlung von Wanderarbeitskräften müssen durch kohärente innerstaatliche Strategien ergänzt werden, um Migration, Beschäftigung, eine faire Vermittlung und eine stärkere Bekämpfung des Menschenhandels miteinander zu verknüpfen.

Die Gewerkschaften werden hart dafür arbeiten, das Thema Migration neben den anderen sozialen und wirtschaftlichen Maßnahmen, die die dominierenden Volkswirtschaften der Welt beschließen müssen, auf der G20-Agenda zu behalten.

Dieser Beitrag wurde der Publikation "Forum Migration Oktober 2017" entnommen.

Auszubildende fordern ökofaire Arbeitskleidung - Neue Broschüre erschienen

Auszubildende für faire Arbeitskleidung

(28.09.2017/Wuppertal/CCC) Ob Kittel oder Blaumann, Schutzanzug oder Firmen-T-Shirt – Berufsbekleidung gehört zu deiner alltäglichen Arbeit bei der Ausbildung dazu. Aber wie sieht die Arbeit der Menschen aus, die diese Kleidung hergestellt haben? Näher*innen und Arbeiter*innen in Bangladesch, Kambodscha, Indonesien, El Salvador und anderen Ländern arbeiten oft unter unmenschlichen Bedingungen. Sie werden ausgenutzt.

Insgesamt 495,37 Millionen Euro Umsatz machten die Hersteller*innen von Arbeits-und Berufsbekleidung hierzulande im Jahr 2013. Das Statistikportal statista geht in einer Prognose (Stand 2017) davon aus, dass der Umsatz in den nächsten Zwei Jahren auf 787 500 Millionen Euro ansteigen wird. Der Blick auf diese Zahlen zeigt: Die Branche ist stabil und wächst stetig an.

Was in deinem Ausbildungsbetrieb kaum vorstellbar wäre, ist für die Arbeiter*innen in den Nähfabriken täglich bittere Realität. Doch das muss nicht so sein. Es gibt auch Arbeits- und Dienstkleidung, die unter fairen und ökologisch guten Bedingungen hergestellt wurde.
Die jetzt erschiene Broschüre „Wie unfair ist das denn!? – Auszubildende für faire Arbeitskleidung“ vermittelt Hintergrundwissen über die miesen Arbeitsbedingungen in der weltweiten Bekleidungsindustrie, zeigt Kaufalternativen auf und gibt Impulse, wie du aktiv werden kannst. Z.B. in dem du die Geschäftsleitung deines Betriebes aufforderst, ökofaire Arbeitskleidung zur Verfügung zu stellen.

Die Broschüre ist kostenlos. Berechnet werden nur die Versandkosten. Hier die Bestelladresse:
Christliche Initiative Romero e.V. (CIR), Schillerstraße 44a, D-48155 Münster, cir@ci-romero.de

Mehr als 40 Millionen Menschen weltweit leben in Sklaverei

(20.09.2017/Genf/bew) Mehr als 40 Millionen Menschen weltweit leben in Sklaverei. Gegen ihren Willen müssen sie harte und oft gefährliche Arbeit verrichten. Millionen Frauen – und auch Männer - wurden zwangsverheiratet und können aus Angst vor Gewalt nicht fliehen: Moderne Sklaverei ist weltweit ein Problem. Internationale Organisationen fordern die Staatengemeinschaft auf, Ausbeutung und Zwangsarbeit stärker zu bekämpfen.

Sie schuften auf Plantagen, Minen und auf Baustellen, werden in Privathaushalten ausgebeutet, sind der Willkür reicher Fabrikbesitzer ausgesetzt: Mehr als 40 Millionen Menschen weltweit leben als Sklaven. So lautet das Ergebnis einer neuen Studie der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO).

Vor allem Frauen und junge Mädchen werden Opfer jeglicher Form von Sklaverei. Sie machen mehr als zwei Drittel der Betroffenen aus. Ein Großteil wird körperlich, sexuell und psychisch ausgebeutet. Bei etwa 15 Millionen handelt es sich laut ILO um Opfer von Zwangsheiraten. Mehr als ein Drittel waren minderjährig zum Zeitpunkt der Heirat. Die Zahlen wurden gemeinsam von der ILO, der Walk Free Foundation und der Internationalen Migrationsorganisation (IOM) erhoben.

Auch die Zahl der Kinderarbeiter ist nach wir vor erschreckend hoch (siehe hier). Laut Studie müssen weltweit rund 152 Millionen Kinder zwischen fünf und 17 Jahren arbeiten. Die meisten schuften auf Feldern oder Plantagen, jedes fünfte Kind arbeitet im Dienstleistungssektor. Dem Report zufolge sind 64 Millionen Mädchen, 88 Millionen Jungs. Die meisten Kinderarbeiter gibt es in Afrika (72 Millionen), 62 Millionen leben in Asien, zehn Millionen in Lateinamerika, 5,5 Millionen in Europa und Zentralasien. Ein Drittel der Kinder, die arbeiten müssen, gehen nicht zur Schule. Millionen sind zudem hohen Gefahren und Risiken an ihren Arbeitsplätzen ausgesetzt.

Guy Ryder, ILO-Generaldirektor, zeigte sich alarmiert anlässlich der Vorstellung der Zahlen bei der UN-Generalversammlung in New York. Er rief die Staats- und Regierungschefs auf, moderne Sklaverei entschieden zu bekämpfen. Wenn sich an diesem dramatischen Zustand nichts ändere, sei die Welt nicht in der Lage die UN-Nachhaltigkeitsziele
zu erreichen, sagte Ryder. Der Kampf gegen Armut, die Bekämpfung von Sklaverei sowie Schutz und Unterstützung für Kinder zählen mit zu den wichtigsten Zielen des Nachhaltigkeitskatalogs, auf den sich die Staats- und Regierungschefs geeinigt haben.

Das Ziel 8.7 befasst sich mit dem Ende der Sklaverei. In der gleichnamigen Allianz haben sich die Staaten und zivilgesellschaftliche Akteure zusammengeschlossen, um das Ziel bis zum Jahr 2030 zu erfüllen. Der Vorsitzende der Walk Free Foundation, Andrew Forrest, bezeichnete die hohe Zahl der ausgebeuteten Menschen als „Schande“. Die Angaben seien ein Zeichen sowohl für das erschreckende Ausmaß an Diskriminierung und Ungleichheit in der heutigen Welt, als auch für das Stillschweigen über Ausbeutung. „Das muss aufhören“, sagte Forrest. Politik, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und jeder Einzelne müssten dazu beitragen, diese Zustände zu ändern.

Auch die Anti-Sklaverei-Organisation International Justice Mission (IJM) appellierte an die Weltgemeinschaft, sich für die ausgebeuteten Menschen einzusetzen. Dietmar Roller, Vorstandsvorsitzender von IJM Deutschland, sprach sich für einen globalen Fonds zu Beendigung von Sklaverei aus. Großbritannien und die USA hätten bereits jeweils 25 Millionen US-Dollar zugesagt, um einen solchen Fonds einzurichten. „Das Ausmaß und die Schrecken von Sklaverei sind skandalös“, sagte Roller. „Sklaverei gibt es auch in Deutschland und ist in vielen unserer Lieferketten zu finden.“ Er rief die nächste Bundesregierung dazu auf, Maßnahmen gegen Sklaverei zur Priorität zu machen und für den Fonds ebenso 25 Millionen US-Dollar zur Verfügung zu stellen.

Links
system/files/global_estimates_of_child_labour-results_and_trends_2012-2016.pdf
www.ilo.org/global/topics/sdg-2030/lang--en/index.htm
www.alliance87.org/#alliance-events
ijm-deutschland.de/

 

Fair muss nicht teuer sein

(12.09.2017/Bonn/FEMNET) Zwei Jahre vor Eröffnung des Maximiliancenters in Bonn hat sich der Deutschland‐Chef von Primark Wolfgang Krogmann der kritischen Öffentlichkeit im Rahmen einer VHS-Veranstaltung gestellt. Gisela Burckhardt, Geschäftsführender Vorstand von FEMNET,  diskutierte mit ihm und bemängelte, dass sich nach dem Gebäudeeinsturz von Rana Plaza in Bangladesch fast nichts geändert hätte.

„Die überwiegend weiblichen Beschäftigten müssen nach wie vor Überstunden von bis zu 14 Stunden leisten, sie werden beschimpft, gedemütigt und daran gehindert, sich Gewerkschaften anzuschließen. Die Löhne wurden seit drei Jahren nicht erhöht, der Mindestlohn liegt bei 60 Euro im Monat. Primark ist nicht schlechter als andere Marken, aber die unmenschlichen Arbeitsbedingungen in vielen asiatischen Ländern kann man ändern“, so Burckhardt auf dem Podium. Krogmann verwies auf umfangreiche Auditierungen (Kontrollen) in den Produktionsstätten. Burckhardt betonte jedoch, dass Audits allein keine Verbesserung der Arbeitsbedingungen für die Millionen von Textilarbeiterinnen brächten, da dabei nicht die wahren Arbeitsbedingungen in den Fabriken zutage kämen.
An dem prominent besetzen Podium nahmen auch teil Arnulf Marquardt‐Kuron vom Amt für Wirtschaftsförderung der Stadt Bonn, Gesa Maschkowski von Bonn im Wandel e. V. und Adalbert von der Osten, Hauptgeschäftsführer des Einzelhandelsverbandes Bonn Rhein‐Sieg Euskirchen e. V. in dem mit über 120 überwiegend jungen Teilnehmer_innen gefüllten Saal im Haus der Bildung in Bonn. Wie Krogmann verwies von der Osten auf die zahlreichen Verbesserungen in puncto Gebäudesicherheit in Bangladesch und zeigte Verständnis für die Nicht‐Veröffentlichung der Lieferkette, „da es sich hierbei um Geschäftsgeheimisse handele“. Für Gisela Burckhardt nicht nachvollziehbar: „Transparenz verbessert Arbeitsbedingungen, da sie hilft, Rechtsverstöße anzuzeigen und unerwünschte Sublieferanten ausfindig zu machen“. Die Aufforderung zur Offenlegung der Lieferketten, wie es FEMNET zusammen mit der Clean Clothes Campaign in einer Transparenzkampagne fordert und dem C&A, H&M, Lidl, Aldi, u.a. nachgekommen sind, ließ der Primark‐Chef an sich abprallen: „Wir gehen nicht in schlechte Fabriken.“ Burckhardt konterte: „Legen Sie Ihre Lieferantenliste offen, damit wir das prüfen können.“ Mit dem Appell „Stopp, es geht so nicht, die Grenzen der Ressourcenausbeutung sind erreicht“, brachte Maschkowski von Bonn im Wandel e. V. eine neue Dimension bei der Ansiedlung von Billigketten in die Debatte. Sie verwies auf die Defizite in der Stadtplanung und die Bedeutung einer lebendigen Stadtkultur mit Gärten und Cafés zugunsten von Mensch und Natur. „Wir haben keinen Mangel an Billigklamotten“, sagte sie. Arnulf Marquardt‐Kuron von der Stadt Bonn entgegnete, dass „eine große Schar von Menschen diese Sachen gerne anziehen“, und die Stadt letztendlich keinen Einfluss darauf hätte, an wen ein Investor seine Handelsfläche vermiete. Marquardt‐Kuron, von der Osten und Krogmann waren sich einig, dass die Schaffung von 200 dauerhaften Arbeitsplätzen die Ansiedlung der Modekette Primark rechtfertige. Für Burckhardt und Maschkowski zieht das Arbeitsplatzargument nicht, denn „die Kleidung wird auf Kosten der Arbeiterinnen – etwa in Bangladesch – hergestellt“, so Burckhardt. Zudem gibt es laut Maschkowski keinen Mehrwert für die Region. Die FEMNET‐Vorsitzende Burckhardt forderte Krogmann abschließend auf: „Nutzen Sie Ihre Marktmacht und machen Sie es anders – fair muss nicht teuer sein.“

Weltkongress - Experten beraten über mehr Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz

(01.09.2017/Singapur/tat) Arbeitsunfälle müssen vermieden werden. So lautet der Appell internationaler Arbeitsrechts- und Sicherheitsorganisationen. Wie diese Forderung umgesetzt werden kann, darüber beraten Experten bei einer Konferenz in Singapur.

Mehr Sicherheit auf Baustellen, in Fabriken, mehr Schutz für Arbeiter_innen, die im Job giftigen Stoffen und gesundheitlichen Belastungen ausgesetzt sind. Dieses Ziel haben sich die Teilnehmer des Weltkongresses für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit gesetzt. Alle drei Jahre findet die Konferenz statt. In diesem Jahr hat das Arbeitsministerium in Singapur die Experten eingeladen.

Vom 3. bis 6. September kommen rund 3.000 Vertreter von Unternehmen, Gewerkschaften, aus der Politik sowie von internationalen wie regionalen Organisationen zusammen. Auch Arbeitsmediziner, Sicherheitsingenieure oder Arbeitshygieniker werden in Singapur erwartet. Allen geht es sowohl um die politische Umsetzung der Forderungen, als auch um konkrete Maßnahmen. Das bedeutet mit welchen Mitteln können Baustellen besser abgesichert, Gesundheitsrisiken erkannt oder  Mängel an Gebäuden schneller entdeckt und behoben werden.

Organisiert wird die Konferenz jeweils vom nationalen Gastgeber, von der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) und der Internationalen Vereinigung für Soziale Sicherheit (IVSS).

Der Präsident der ILO, Guy Ryder, spricht von rund 2,3 Millionen Menschen, die weltweit bei Arbeitsunfällen sterben. Zudem sind Millionen Arbeiter_innen gesundheitlichen Risiken ausgesetzt. In vielen Fällen leiden die Menschen an chronischen Krankheiten, Verletzungen mit bleibenden Schäden beeinträchtigen ihren Lebensalltag erheblich.

„Die meisten Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten sind vermeidbar“, sagt Ryder in einem im Vorfeld der Konferenz veröffentlichten Grußwort. „Arbeitsplätze, die weder die Gefahr bergen sich zu verletzen noch krank zu werden, sind möglich.“ Bei Absichtserklärungen soll es nicht länger bleiben, betont der ILO-Präsident. Er fordert konkrete Präventionsprogramme. Arbeiter_innen vor Gefahren zu schützen, sei kein Luxusgut, das schweren wirtschaftlichen Zeiten zum Opfer fallen dürfe. „Berufliche Sicherheit und Gesundheit ist ein Menschenrecht.“ 

Arbeitsschutz ist international ein wichtiges Thema. Die ILO verpflichtet die Mitgliedsstaaten über Abkommen dazu, die Vorgaben für mehr Sicherheit am Arbeitsplatz zu regeln und die Bedingungen gezielt zu verbessern.

Die Veranstalter haben unter anderem ihre „Vision Zero“ auf die Agenda des Kongresses gesetzt, mit der die  Vermeidung von Arbeitsunfällen angestrebt wird.
Damit aus der Vision Realität wird, müssen sowohl Führungskräfte als auch Mitarbeiter für mehr Transparenz am Arbeitsplatz sorgen, lautet die Forderung. Das bedeutet Sicherheitsmängel auf Baustellen müssen aufgedeckt und nicht verschleiert werden. Erkranken die Beschäftigten sollte eindringlich geprüft werden, ob die Arbeitsbedingungen die Ursache für die Krankheit sind. Letztlich schützen vorbeugende Maßnahmen nicht nur die Mitarbeiter_innen sondern kommen letztlich auch den Unternehmen zugute.

Auch der Präsident der IVSS, Joachim Breuer, sieht Regierungen wie Unternehmen und Organisationen in der Pflicht, den Schutz der Beschäftigten stärker in den Blicke zu nehmen. „Wir sind in der Lage die Welt besser zu machen, in dem wir sie sicherer machen“, sagt Breuer. Auch er setzt vor allem auf Präventionsprogramme.
Die Vereinigung bringt Experten aus über 340 Institutionen aus mehr als 140 Ländern zusammen, die sich mit der Gesundheit von Arbeitnehmenden befassen.
Laut ILO haben junge Arbeitnehmer_innen ein 40 Prozent höheres Unfallrisiko als ältere Beschäftigte. Bereits in den vergangenen Jahren hat die Organisation über Kampagnen auf die Bedingungen junger Menschen hingewiesen. Ab dem 28. April 2018, dem Welttag für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit, soll ein Aktionsplan starten. Dieser nimmt ganz gezielt die Belange junger Menschen im Beruf in den Blick.

Links:
Weltkongress für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit: https://www.safety2017singapore.com/?lang=de
Ministerium für Arbeitskraft in Singapur: http://www.mom.gov.sg/workplace-safety-and-health 
Internationale Arbeitsorganisation (ILO): http://www.ilo.org/global/lang--en/index.htm
Internationale Vereinigung für Soziale Sicherheit (IVSS): https://www.issa.int/en_GB/topics/occupational-risks/introduction

ILO-Standards zur Arbeitssicherheit: http://www.ilo.org/global/standards/subjects-covered-by-international-la...

Arbeitsschutz als internationales Thema: https://www.nord-sued-netz.de/gute-arbeit/arbeitsbedingungen/arbeits-und...

Vision Zero: https://www.safety2017singapore.com/session/technical-sessions/?lang=de

Präventionsprogramme der IVSS: https://www.issa.int/en_GB/guidelines/prevention/read

Welttag für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit: http://www.ilo.org/safework/events/safeday/lang--en/index.htm

 

Multistakeholder-Initiative: Textilbündnis ruckelt sich zurecht

(28.08.2017/Berlin/bew) Das Textilbündnis hat mit der Prüfung von Roadmaps eine neue Dimension erreicht 38 Mitglieder, darunter DGB und IG Metall, veröffentlichen ihre Roadmaps freiwillig. Der DGB schließt zudem eine strategische Partnerschaft mit dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

Seit rund drei Jahren ist das Textilbündnis am Start. Obwohl sich derzeit fast 150 Mitglieder aus Politik, Wirtschaft, Nichtregierungsorganisationen, Verbänden und Gewerkschaften beteiligen, gab es zuletzt Verunsicherung. Zur jüngsten Sitzung des Steuerungskreises gab es ganz unterschiedliche Schlagzeilen: „Kommt langsam in Bewegung“, schrieben die einen, die anderen verbreiteten, die Multistakeholder-Initiative stehe „vor dem Ende“. Was ist da los? Ein Überblick.

Gibt es das Textilbündnis noch?
Ja. Das Bündnis arbeitet und deckt derzeit rund 50 Prozent des deutschen Textilmarktes ab. Allerdings sind seit 2014 rund 40 Unternehmen wieder ausgetreten, weil sie sich den Regeln nicht anpassen wollten. Einige weitere Mitglieder müssen die sogenannten Roadmaps noch nachbessern, die sie zuletzt vorgelegt haben. In diesen Plänen erklären sie, was sie mithilfe welcher Maßnahmen an ihrer Praxis ändern und damit erreichen wollen. Externe Prüfer hatten 27 der Pläne als „nicht plausibel“ bewertet. Das hatte im Bündnis und in der Folge auch in den Medien zu Verunsicherung geführt.
 

Was stimmte nicht mit den „nicht plausiblen“ Roadmaps?
Offizielle Begründungen für die mangelnde Plausibilität gibt es nicht. Bekannt geworden sind aber sowohl technische als auch formale Probleme beim Ausfüllen der Vorlagen – hier ging es beispielsweise darum, dass die Mitglieder Texte nicht rechtzeitig freigegeben oder zu viel oder zu wenig Ziele genannt hatten. Die externen Prüfer kontrollierten die eingereichten Pläne offenbar vor allem formal und buchhalterisch. Einige kleinere Öko-Unternehmen bemängelten in einem gemeinsamen Brief  zudem nicht nur, dass der finanzielle und personelle Aufwand für sie unverhältnismäßig sei. Sie stellten auch in Frage, dass sie – obwohl Vorreiter in Sachen Ökologie und Fairness – genauso viele Verbesserungsvorschläge machen sollten wie Branchengrößen, die bis dato nicht nach globalen Nachhaltigkeits- und Fairnessstandards arbeiteten. Ob auch Pläne großer Unternehmen zurückgegeben wurden, ist nicht bekannt.
 

Sind die Roadmaps öffentlich?
Im laufenden Jahr ist die Veröffentlichung noch keine Pflicht. 38 Mitglieder haben ihre Pläne aber freiwillig online gestellt – auf der Homepage des Bündnisses und meist auch auf der eigenen. Ab 2018 müssen alle Mitglieder ihre Roadmaps zugänglich machen.
 

Wie transparent zeigen sich die im Bündnis vertretenen Gewerkschaften?
Sowohl der Deutsche Gewerkschaftsbund als auch die IG Metall haben ihre Roadmaps veröffentlicht.

Der DGB hat kürzlich eine strategische Partnerschaft mit dem BMZ angekündigt. Wie passt die zum Textilbündnis?
Sie ist eins der Ziele, die der DGB in seiner Roadmap nennt und das er damit bereits umgesetzt hat. Das gilt übrigens ebenso für das Ziel, „sich im Rahmen der G20 für das Thema Gute Arbeit in Lieferketten ein(zu)setzen“. Die Gewerkschaftsgruppe der G20, die L20, hat die Forderung prominent in ihre Abschlusserklärung zum Hamburger G20-Gipfel aufgenommen. Und auch für die Absicht, „innerhalb der ILO auf die Einhaltung der Kernarbeitsnormen (zu) achten“. Bei der ILO-Arbeitstagung im Juni mussten sich die RegierungsvertreterInnen aus Bangladesch nach einem Redebeitrag des DGB zu Verstößen gegen die Vereinigungsfreiheit rechtfertigen – sie waren Anfang des Jahres mit staatlicher Repression gegen weitreichende Streiks in der Textilindustrie vorgegangen.
 

Wie sieht die strategische Partnerschaft aus?
Die Partnerschaft konzentriert sich zunächst auf Länder, in denen die Textilindustrie einen wesentlichen Anteil am Bruttoinlandsprodukt haben, die Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten aber oft miserabel sind. Der DGB will, dass „die Anliegen der dortigen Gewerkschaften zunehmend in die deutsche Entwicklungszusammenarbeit eingebunden werden“. Dazu wollen die Partner globale Gewerkschaften und Gewerkschaften vor Ort durch Personal und zusätzliche Bildungs- und Informationsmaßnahmen unterstützen. Das BMZ will zudem mit den deutschen Gewerkschaften im Bereich der Sozialstrukturförderung weiterhin kooperieren. Allein dass das BMZ anerkennt, dass Gewerkschaften wichtige Player in der Entwicklungszusammenarbeit sind, ist schon ein großer Erfolg.
 

Gibt es auch schon etwas Konkretes?
Das erste Projekt der strategischen Partnerschaft ist die Einrichtung einer Stelle beim Globalen Gewerkschaftsverbund IndustriAll, die die Aktivitäten in Asien koordinieren soll – dabei geht es auch um Capacity Building für die lokalen Gewerkschaften.
 

Wie geht es weiter mit dem Textilbündnis?
Im kommenden Jahr müssen alle Mitglieder ihre Roadmaps veröffentlichen. Es ist möglich, dass einzelne Unternehmen dann noch abspringen. Frank Zach, der den DGB im Steuerungskreis vertritt, hält es aber vor allem für notwendig, konkrete Projekte anzusteuern. Thema könnten etwa existenzsichernde Löhne sein. Zach: "Die Frage ist, wie kann man in den Produktionsländern unter den gegebenen Bedingungen mit unwillligen Regierungen und oft schwachen Gewerkschaften Löhne durchsetzen, die das Überleben der Beschäftigten und ihrer Familien sichern?"

 

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