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UN-Abkommen zu Wirtschaft und Menschenrechte rückt ein wenig näher

(27.10.2017 / Berlin / bew) Der Prozess hin zu einem verbindlichen Abkommen zu Wirtschaft und Menschen rechte im Rahmen der Vereinten Nationen (UN) ist einen Schritt weitergekommen. Im kommenden Jahr wird Ecuador als Vorsitzland einer zwischenstaatlichen Arbeitsgruppe beim UN-Menschenrechtsrat einen Entwurf vorlegen. Vertreter_innen der Zivilgesellschaft zeigten sich erleichtert über das Ergebnis der bereits dritten Verhandlungsrunde, zu der Vertreter_innen von rund 80  Ländern sowie der Europäischen Union und rund 200 zivilgesellschaftlicher Akteur_innen vom 23. bis zum 27. Oktober in Genf zusammen gekommen waren. Schließlich hatte es zum Auftakt so ausgesehen, als wollten unter anderem die Vertreter_innern der EU die Gespräche sabotieren. Die USA waren gar nicht erst angereist. Um was geht es?  Menschenrechtsverletzungen durch Unternehmen sind keine Seltenheit – ob durch menschenunwürdige Arbeit oder Umweltverschmutzung. Weil die vorhandenen Instrumente daran substanziell bislang nichts geändert haben, soll im Rahmen der Vereinten Nationen ein verbindliches Abkommen mit Kontroll- und Sanktionsmechanismen sowie Klagemöglichkeiten für Geschädigte erarbeitet werden. Der Prozess wird besonders von Schwellenländern vorangetrieben, allen voran Ecuador und Südafrika.
 

Gibt es konkrete Beispiele für solche Menschenrechtsverletzungen?

Etliche. Ein unrühmliches Beispiel spielt in Ecuador: In den 1990er Jahren hatte der Ölkozern Texaco im Regenwald im Nordosten des Landes Flüsse und Böden verseucht, indem er dort Milliarden Liter giftiger Ölabfälle entsorgte. Die Verschmutzung der Natur gefährdete mindestens 30.000 Anwohner_innen direkt. Sie zogen vor Gericht. 2001 kaufte der US-Konzern Chevron Texaco. Zehn Jahre später verurteilte ein ecuadorianisches Gericht Chevron zunächst, 19 Milliarden US-Dollar zu zahlen, später wurde die Summe halbiert. Um das Urteil vollstrecken zu lassen, mussten die Geschädigten schließlich sogar in den USA vor Gericht ziehen, wo Chevron sein Vermögen hat. Dort scheiterten sie vor einem deutlich industriefreundlicheren US-Richter, so dass sie neben ihren Schäden zusätzlich auf hohen Gerichtskosten sitzen blieben.

Was ist mit den Nationalen Aktionsplänen?

Auf Empfehlung der EU-Kommission und des Europarates haben einige EU-Länder Nationale Aktionspläne (NAP) zur Umsetzung der UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte entwickelt – auch die Bundesregierung verabschiedete im Dezember 2016 ihren NAP. Der Deutsche Gewerkschaftsbund bemängelte schon damals, dass dieser wenig verbindlich ist. So fehlen sowohl Sanktionsmechanismen als auch Konsequenezen für die Exportförderung, wenn Unternehmen ihre menschenrechtliche Sorgfaltspflicht verletzt haben. Zudem schafft der NAP keine Grundlage dafür, dass von deutschen Unternehmensaktivitäten im globalen Süden Geschädigte leichter vor deutsche Gerichte ziehen können. In Genf fasste der Vorsitzende der zwischenstaatlichen Arbeitsgruppe kurz und bündig zusammen: „Die Qualität der Nationalen Aktionspläne macht der Arbeitsgruppe mehr und mehr Sorgen“, vor allem was den Zugang zur Gerichtsbarkeit angehe, böten sie keinerlei  Mehrwert. 

Was ist bislang passiert, um ein Abkommen voran zu bringen?

Begonnen hat der Verhandlungsprozess  im Juni 2014. Damals beschloss der UN-Menschenrechtsrat, eine „offene, zwischenstaatliche Arbeitsgruppe zur Erarbeitung rechtlich verbindlicher Menschenrechtsregeln für transnationale Konzerne und andere Wirtschaftsunternehmen“ einzusetzen. 2015 und 2016 fanden die ersten beiden Verhandlungsrunden dieser Gruppe statt. Rund 80 Staaten einschließlich der EU, die als gemeinsame Unterhändlerin ihrer Mitgliedsländer auftritt, nahmen teil. Während es bei den ersten beiden Sessions darum ging, Vorschläge zu sammeln, wie ein Abkommen aussehen könnte und auf was es angewandt werden müsste, hatte Ecuador als Vorsitzland zur jetzt abgeschlossenen dritten Verhandlungsrunde erstmals einen Grobentwurf vorgelegt. Darin heißt es unter anderem, dass internationale Konzerne und andere Unternehmen unabhängig von ihrer Größe sämtliche Menschenrechte respektieren müssten – „ganz gleich, wo sie tätig sind und entlang ihrer Lieferketten“.

Wie war die Stimmung in der aktuellen Verhandlungsrunde?

Nachdem die Treaty Alliance, ein Zusammenschluss von deutschen NGOs, den ecuadorianischen Entwurf im Vorfeld positiv aufgenommen hatten, zeigte sie sich zum Start der Gespräche enttäuscht: Die USA hatten gar keine Vertreter_innen geschickt, aus Deutschland reisten zwar drei Mitarbeiterinnen  des Auswärtigen Amtes an, aber ohne Verhandlungsmandat und zwei auch nur für einen Tag – Hintergrund war, dass die EU für alle Mitgliedsländer sprechen wollte. Ihre Vertreter_innen fielen an den ersten beiden Tagen durch Verfahrens- und Grundsatzfragen auf, so dass zivilgesellschaftliche Beobachter_innen bereits eine Sabotage der Verhandlungen befürchteten. Während die Bundesregierung damit außen vor blieb, beteiligten Frankreich und einige skandinavische Länder engagiert an der Diskussion.

Was war der größte Streitpunkt?

Vielleicht die wichtige Frage, ob Menschenrechte grundsätzlich das Primat gegenüber Handels- und Investitionsabkommen bekommen sollen. Die Mehrheit der Delegierten stimmte dagegen, einschließlich der EU (im Namen ihrer 28 Mitglieder). Dafür plädierten lediglich Ecuador und Bolivien sowie die zivilgesellschaftlichen Gruppen, einschließlich der Gewerkschaften. Ecuador erklärte, man sei „schockiert“ über diese Schwerpunktsetzung im 21. Jahrhundert.

Was sagen die Gewerkschaften?

Die Gewerkschaftsbewegung war – wie schon bei den ersten Verhandlungsrunden - in Genf durch den Internationalen Gewerkschaftsbund, ITUC, und die Internationale der Transportarbeiter, ITF, vertreten, die im Vorfeld bereits Positionspapiere eingereicht hatten. Sie fordern ein starkes Abkommen mit verbindlichen staatlichen Regeln, dass Unternehmen den Schutz der Menschenrechte in ihren due diligence-Verfahren prüfen und in ihren gesamten Prozessen prüfen müssen und dafür haftbar gemacht werden können.  Ein neu zu schaffendes internationales Tribunal soll die nationale Gerichtsbarkeiten ergänzen und zuständig sein, wenn Unternehmen grenzüberschreitend  Menschenrechte verletzen. Geschädigte, Menschenrechtsorganisationen und Gewerkschaften sollen Zugang dazu haben.
 

Vom Elend hinter dem edlen Tropfen - Studie über Weinplantagen in Südafrika

Billig verkauft - teuer bezahlt

(10.10.17/Berlin/tat) Deutsche Supermärkte kämpfen um jeden Weinliebhaber - nicht nur mit Qualität, sondern vor allem mit dem billigsten Angebot. Die niedrigen Preise gehen zulasten der Arbeiter_innen auf den Traubenplantagen. Ihre Arbeitsbedingungen sind katastrophal, zeigt eine neue Oxfam-Studie.

 

Wenn sie die 70 Rebstöcke heute nicht aberntet, wird ihr der Lohn gekürzt. Oder sie muss Überstunden machen. Kann sie mehr als einmal die Vorgaben ihres Arbeitgebers nicht erfüllen, muss sie mit ihrer Entlassung rechnen. Beschwerden sind zwecklos: Wer sich gegen die Ausbeutung wehrt, wird ersetzt. Es ist ein erschütterndes Bild, das die neue Oxfam-Studie „Billig verkauft – teuer bezahlt“ über die Arbeitsbedingungen auf den Traubenplantagen Südafrikas offenbart.

Vor allem Frauen arbeiten auf den Feldern. Ihre Löhne liegen oft unter dem gesetzlichen Mindestlohn, sie sind der Willkür und dem enormen Druck ihrer Arbeitgeber ausgesetzt. Hinzu kommt: Vor dem Einsatz giftiger Pestizide sind sie nicht geschützt. Spezielle Kleidung bekommen sie in den allermeisten Fällen nicht gestellt, denn Gesundheits- und Arbeitsschutz spielt für die Farmbesitzer kaum eine Rolle. Dabei sind die gesundheitlichen Folgen für die Arbeiter_innen verheerend. Viele leiden an Haut- und Augenkrankheiten, Kopfschmerzen und Atemnot sind die Folgen. Es sind nicht nur die Frauen auf den Plantagen, die unmittelbar betroffen sind, sondern auch ihre Kinder und Angehörigen. In der Regel leben die Arbeiterinnen mit ihren Familien in der Nähe der Felder.

Kein Arbeitsvertrag, kaum Kontakt zu Gewerkschaften

Für die Studie hat Oxfam 343 Farmarbeiterinnen auf Traubenplantagen befragt. Unterstützt wurde die Entwicklungsorganisationen vom Women on Farms Project (WFP). Die südafrikanische Initiative kümmert sich um die Belange der Frauen auf den Plantagen, hilft ihnen ihre Rechte durchzusetzen und Diskriminierung zu überwinden. Etliche der befragten Arbeiterinnen haben keinen Arbeitsvertrag. Haben sie einen Unfall und müssen zum Arzt, streichen viele Farmbesitzer_innen den Saisonarbeiterinnen das Geld für den Tageseinsatz. Wie aus der Studie hervorgeht, kennen viele Frauen ihre Rechte als Arbeitnehmerinnen nicht. Die Plantagenbesitzer_innen sorgen auch dafür, dass dies so bleibt. Gewerkschafter_innen dürfen die Felder nicht betreten. Den Arbeiterinnen ist es verboten, an Gewerkschaftstreffen teilzunehmen.

Längst zählen Weine aus Südafrika zum Standardsortiment sowohl der Supermärkte als auch der Discounter in Deutschland. Je nach Geschäft sind die günstigsten Varianten bereits für rund zwei Euro zu haben. Die Nachfrage ist hoch, das Angebot breit. Seit dem Jahr 2000 sind die Exportpreise von südafrikanischem Wein nach Deutschland um mehr als 80 Prozent gefallen, die Produktionskosten im Weinanbau sind dagegen in den vergangenen zehn Jahren um fast 50 Prozent gestiegen. Dass die Arbeiterinnen auf den Plantagen zu solch katastrophalen Bedingungen arbeiten, liegt laut Oxfam auch an den deutschen Supermarktketten. „Die Supermärkte diktieren ruinöse Preise, diesen Preisdruck geben die Produzenten nach unten weiter“, sagt Franziska Humbert, Expertin für soziale Unternehmensverantwortung bei Oxfam.

Kehrtwende in Wirtschaft und Politik gefordert

Die Entwicklungsorganisation fordert eine radikale Kehrtwende. Vor allem in der Wirtschaft. In Deutschland wird den Angaben nach der Weinmarkt zu 80 Prozent von vier Supermarktketten bestimmt: Edeka, Rewe, Aldi und der Schwarz-Gruppe, hinter der Lidl und Kaufland stecken. Für Humbert sind die Supermarktketten das Nadelöhr, durch das Produzenten ihre Ware auf den deutschen Markt bringen müssen. Sie dürften sich nicht aus der Verantwortung stehlen, sagt die Oxfam-Expertin.

Die Zustände im Weinanbau in Südafrika sind jedoch nur ein weiteres Beispiel für die heikle Lage Tausender Arbeiter_innen auf Obstplantagen. Im Rahmen der Kampagne „Make Fruit Fair“ hat Oxfam bereits Missstände auf Bananen- und Ananasplantagen in Ecuador und Costa Rica, sowie im Mangoanbau in Peru aufgedeckt. In ihren Schlussempfehlungen fordert die Entwicklungsorganisation daher Unternehmen und Importeure auf, dafür zu sorgen, dass ihre Lieferanten die Menschenrechte einhalten. Auch die Politik sieht Oxfam in der Pflicht. Die neue Bundesregierung müsse per Gesetz für bessere Arbeitsbedingungen in den Produktionsländern sorgen.

Zur Oxfam-Petition hier klicken: Globale Ausbeitung stoppen: Unternehmen in die Pflicht nehmen

 

Die Welt braucht eine Lohnerhöhung! - Zum Welttag für menschenwürdige Arbeit

(05.10.2017/ Berlin/bew) Umgerechnet 70 Milliarden US-Dollar Bruttogewinn macht die südkoreanische Samsung Group im Jahr.  220 Dollar monatlich verdienen seine Produktionsarbeiterinnen. Zu wenig, um die Familie zu ernähren. Viele arbeiten deshalb noch nebenher. Wie die 35 jährige Hesty, die 6 Tage die Woche in der Fabrik steht und abends und am Sonntag Kosmetika verkauft. Sie ist eins der Gesichter für die Kampagne „Asia fight für +50“, die asiatische Gewerkschaften rund um den Welttag für menschenwürdige Arbeit  ausgerufen haben, der am 7. Oktober statt findet.

„-50“ bedeutet 50 Dollar mehr – so viel im Monat mehr fordern die Gewerkschaften für die Beschäftigten in den Lieferketten der großen Konzerne. Damit wollen sie existenzsichernden Löhnen näher kommen. „Wenn Samsung allen Beschäftigten in der Wertschöpfungskette existenzsichernde Löhne zahlen würde, würde das den Bruttojahresgewinn nur auf 69 Milliarden Dollar schmälern“, rechnen sie vor.

Dieses Missverhältnis gilt auch für andere Branchen. Nur ein Beispiel: Würden die Fabrikarbeiter_innen, die in Bangladesch für Zara arbeiten, würde eine Jeans des Modehändlers gerade einmal 30 US-Cent teurer. 

„Stopp der Profitgier! Die Welt braucht eine Lohnerhöhung!“ ist deshalb das gemeinsame Motto des diesjährigen Welttages für menschenwürdige Arbeit. Nicht nur in Asien, sondern auch in Latein- und Nordamerika, in Afrika und Europa sind Veranstaltungen wollen  Gewerkschafter_innen höhere Löhne und fordern Tarifpartner und Regierungen auf, sie umzusetzen.

In Deutschland richtet sich das Interesse der Beteiligten auf die derzeitigen Koalitionsverhandlungen zur Bildung einer neuen Bundesregierung. In einer gemeinsamen Erklärung mit verschiedenen NGOs verlangt der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB), dass  die künftigen Regierungsparteien „im Koalitionsvertrag konkrete Schritte zur Sicherung der Menschenwürde in der Wirtschaft hierzulande und weltweit vereinbaren“. Soziale Rechte müssten Priorität haben und dürften von der künftigen Regierung nicht in Frage gestellt werden. Die Verbände verweisen auf den Nationalen Aktionsplan für Wirtschaft und Menschenrechte, in dem die Bundesregierung Ende 2016 deutsche Unternehmen aufgefordert hatte, auch in ihren globalen Wertschöpfungsketten die Menschenrechte zu achten und spätestens bis 2020 ihre "Sorgfaltspflichten" umzusetzen.

Die künftige Bundesregierung müsse auch in Deutschland ausbeuterische Arbeitsbedingungen konsequent bekämpfen, heißt es weiter. "Menschenunwürdige Arbeitsbedingungen sind nicht hinnehmbar, sei es bei Wanderarbeitnehmern auf Baustellen oder in der Fleischindustrie", sagt der DGB-Vorsitzende Reiner Hoffmann. "Die Handlungsmöglichkeiten für Gewerkschaften müssen gestärkt werden und bei grenzüberschreitenden Arbeiten dürfen keine rechtsfreien Räume entstehen. Zur konkreten Durchsetzung der Rechte bedarf es wirkungsvoller Arbeitsinspektionen in allen Ländern.“

Der Welttag für menschenwürdige Arbeit findet in diesem Jahr zum zehnten Mal statt. Ausgerufen hatte ihn der Internationale Gewerkschaftsbund bereits bei seiner Gründung 2006. Die Idee ist, Gewerkschaften weltweit einen Tag zu geben, an dem sie gemeinsam und öffentlich für Arbeitsbedingungen eintreten, die den Kernarbeitsnormen der Internationalen Arbeitsorganisation entsprechen: keine sklavenähnliche, erzwungene und  Kinderarbeit, keine Diskriminierung, aber das Recht auf Vereinigungsfreiheit und Kollektivverhandlungen. Der Welttag wurde 2008 zum ersten Mal begangen.
 

Nach dem G20-Gipfel - Arbeitnehmerrechte statt „Handelsliberalisierung“: Kommentar von Sharan Burrow, Generalsekretärin des Internationalen Gewerkschaftsbundes ITUC

ITUC CSI IGB

(01.10.2017/Brüssel/ITUC) Kommentar von Sharan Burrow, Generalsekretärin des Internationalen Gewerkschaftsbundes ITUC. Die Autorin war im Sommer Teil des „Labour20“- Prozesses im Rahmen der deutschen G20- Präsidentschaft. Hier zieht sie eine Bilanz.

Auch wenn es einen kleinen Erfolg beim Klimaschutz gab: Es bestehen Zweifel an der Fähigkeit der G20, ihrem Auftrag gerecht zu werden und erwerbstätigen Menschen eine sichere Zukunft zu garantieren, basierend auf menschenwürdiger Arbeit und geteiltem Wohlstand.

Große Konzerne umgehen weiter die Steuer, und spekulative Investitionen nehmen weiter zu. Das vorherrschende Handelsmodell hat mit seinen multinationalen Lieferketten den jahrzehntelangen Trend der Lohnkostenarbitrage weiter verschärft, mit Hungerlöhnen, unsicheren und oftmals gefährlichen Tätigkeiten.

Es ist kein Zufall: Während die Ungleichheit einen historischen Höchststand erreicht hat, eskaliert das Misstrauen gegenüber dem Staat eskaliert und der Rechtspopulismus gewinnt an Boden. Wenn 73 Prozent der Menschen weltweit Angst vor dem Verlust ihres Arbeitsplatzes haben und 84 Prozent sagen, dass man vom Mindestlohn nicht leben kann, und wenn globale Lieferketten von informellen Tätigkeiten und moderner Sklaverei geprägt sind, dann geht die Forderung des IWF und der WTO an die G20, die Handelsliberalisierung und die „Strukturreform“ fortzusetzen, vollkommen in die falsche Richtung.

Zudem ziehen sich viele Länder in die Isolation zurück. Die britische Regierung verfolgt einen harten Brexit, die Regierung Trump ist nach innen gekehrt und unberechenbar, der türkische Präsident Erdogan herrscht immer autoritärer und in China kommt es zunehmend zu einer Machtzentralisierung.

Der Beschluss, den G20-Gipfel im Jahr 2020 in Saudi- Arabien abzuhalten, einer familiengeführten fundamentalistischen Theokratie, in der Frauen keinerlei Rechte haben und Millionen Wanderarbeitskräfte wie moderne Sklaven behandelt werden, unterstreicht das immense Demokratiedefizit innerhalb der G20.

Die diesjährige deutsche Präsidentschaft hat eine ambitionierte Agenda zugunsten der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer verfolgt: Arbeitnehmerrechte in Lieferketten, Verantwortung der Unternehmen durch eine „Sorgfaltspflicht“, existenzsichernde Mindestlöhne und Tarifverhandlungen zur Verringerung der sinkenden Lohnquote, Erwerbsbeteiligung von Frauen und jungen Menschen sowie Integration von Migranten und Flüchtlingen.

Die Arbeitsminister der G20 haben dazu überzeugende Rezepte vorgelegt und zudem erklärt, dass Verletzungen der Grundsätze menschenwürdiger Arbeit sowie grundlegender Prinzipien und Rechte bei der Arbeit nicht Teil des Wettbewerbs sein dürften. Dies ist ein wichtiges Ergebnis für die Gewerkschaftsbewegung, die ihren Sitz am Verhandlungstisch über den vom DGB organisierten „L20“-Prozess (Labour 20) genutzt hat, um unsere Argumente zu verdeutlichen.

Die Tatsache, dass die Staats- und Regierungschefs der G20 diese Agenda bestätigt und die Leitprinzipien der UN für Wirtschaft und Menschenrechte, die IAO-Erklärung über multinationale Unternehmen sowie die OECD-Leitsätze für multinationale Unternehmen und ihre Beschwerdeverfahren bekräftigt haben, ist zu begrüßen. Jetzt müssen Taten folgen.

Die Menschen brauchen Investitionen in Arbeitsplätze, in die Infrastruktur und die Pflegewirtschaft. Industrie 4.0 wird eine erfolgreiche wirtschaftliche Zukunft untermauern, denn sie haben nicht vor der Technologie Angst, sondern davor, dass sie selbst oder ihre Kinder keine Arbeit haben.

Deutschland war bei der Aufnahme von Flüchtlingen zwar weltweit führend, aber die G20 hat in diesem Jahr keinen Durchbruch erzielt. In der übergeordneten Frage der weltweiten Migration bietet das globale Migrationsabkommen der UN den Gewerkschaften und anderen progressiven Kräften jedoch die Möglichkeit, unserer Forderung nach einer auf dem internationalen Rechts- und Menschenrechtsrahmen und vor allem den ILO-Normen basierenden Migrationspolitik Nachdruck zu verleihen.

Ganz wichtig ist, dass die Migranten das Recht auf Arbeit haben, mit denselben Absicherungen und Rechten wie andere Beschäftigte auch. Globale Maßnahmen zur Beendigung von Missbräuchen bei der Vermittlung von Wanderarbeitskräften müssen durch kohärente innerstaatliche Strategien ergänzt werden, um Migration, Beschäftigung, eine faire Vermittlung und eine stärkere Bekämpfung des Menschenhandels miteinander zu verknüpfen.

Die Gewerkschaften werden hart dafür arbeiten, das Thema Migration neben den anderen sozialen und wirtschaftlichen Maßnahmen, die die dominierenden Volkswirtschaften der Welt beschließen müssen, auf der G20-Agenda zu behalten.

Dieser Beitrag wurde der Publikation "Forum Migration Oktober 2017" entnommen.

Auszubildende fordern ökofaire Arbeitskleidung - Neue Broschüre erschienen

Auszubildende für faire Arbeitskleidung

(28.09.2017/Wuppertal/CCC) Ob Kittel oder Blaumann, Schutzanzug oder Firmen-T-Shirt – Berufsbekleidung gehört zu deiner alltäglichen Arbeit bei der Ausbildung dazu. Aber wie sieht die Arbeit der Menschen aus, die diese Kleidung hergestellt haben? Näher*innen und Arbeiter*innen in Bangladesch, Kambodscha, Indonesien, El Salvador und anderen Ländern arbeiten oft unter unmenschlichen Bedingungen. Sie werden ausgenutzt.

Insgesamt 495,37 Millionen Euro Umsatz machten die Hersteller*innen von Arbeits-und Berufsbekleidung hierzulande im Jahr 2013. Das Statistikportal statista geht in einer Prognose (Stand 2017) davon aus, dass der Umsatz in den nächsten Zwei Jahren auf 787 500 Millionen Euro ansteigen wird. Der Blick auf diese Zahlen zeigt: Die Branche ist stabil und wächst stetig an.

Was in deinem Ausbildungsbetrieb kaum vorstellbar wäre, ist für die Arbeiter*innen in den Nähfabriken täglich bittere Realität. Doch das muss nicht so sein. Es gibt auch Arbeits- und Dienstkleidung, die unter fairen und ökologisch guten Bedingungen hergestellt wurde.
Die jetzt erschiene Broschüre „Wie unfair ist das denn!? – Auszubildende für faire Arbeitskleidung“ vermittelt Hintergrundwissen über die miesen Arbeitsbedingungen in der weltweiten Bekleidungsindustrie, zeigt Kaufalternativen auf und gibt Impulse, wie du aktiv werden kannst. Z.B. in dem du die Geschäftsleitung deines Betriebes aufforderst, ökofaire Arbeitskleidung zur Verfügung zu stellen.

Die Broschüre ist kostenlos. Berechnet werden nur die Versandkosten. Hier die Bestelladresse:
Christliche Initiative Romero e.V. (CIR), Schillerstraße 44a, D-48155 Münster, cir@ci-romero.de

Mehr als 40 Millionen Menschen weltweit leben in Sklaverei

(20.09.2017/Genf/bew) Mehr als 40 Millionen Menschen weltweit leben in Sklaverei. Gegen ihren Willen müssen sie harte und oft gefährliche Arbeit verrichten. Millionen Frauen – und auch Männer - wurden zwangsverheiratet und können aus Angst vor Gewalt nicht fliehen: Moderne Sklaverei ist weltweit ein Problem. Internationale Organisationen fordern die Staatengemeinschaft auf, Ausbeutung und Zwangsarbeit stärker zu bekämpfen.

Sie schuften auf Plantagen, Minen und auf Baustellen, werden in Privathaushalten ausgebeutet, sind der Willkür reicher Fabrikbesitzer ausgesetzt: Mehr als 40 Millionen Menschen weltweit leben als Sklaven. So lautet das Ergebnis einer neuen Studie der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO).

Vor allem Frauen und junge Mädchen werden Opfer jeglicher Form von Sklaverei. Sie machen mehr als zwei Drittel der Betroffenen aus. Ein Großteil wird körperlich, sexuell und psychisch ausgebeutet. Bei etwa 15 Millionen handelt es sich laut ILO um Opfer von Zwangsheiraten. Mehr als ein Drittel waren minderjährig zum Zeitpunkt der Heirat. Die Zahlen wurden gemeinsam von der ILO, der Walk Free Foundation und der Internationalen Migrationsorganisation (IOM) erhoben.

Auch die Zahl der Kinderarbeiter ist nach wir vor erschreckend hoch (siehe hier). Laut Studie müssen weltweit rund 152 Millionen Kinder zwischen fünf und 17 Jahren arbeiten. Die meisten schuften auf Feldern oder Plantagen, jedes fünfte Kind arbeitet im Dienstleistungssektor. Dem Report zufolge sind 64 Millionen Mädchen, 88 Millionen Jungs. Die meisten Kinderarbeiter gibt es in Afrika (72 Millionen), 62 Millionen leben in Asien, zehn Millionen in Lateinamerika, 5,5 Millionen in Europa und Zentralasien. Ein Drittel der Kinder, die arbeiten müssen, gehen nicht zur Schule. Millionen sind zudem hohen Gefahren und Risiken an ihren Arbeitsplätzen ausgesetzt.

Guy Ryder, ILO-Generaldirektor, zeigte sich alarmiert anlässlich der Vorstellung der Zahlen bei der UN-Generalversammlung in New York. Er rief die Staats- und Regierungschefs auf, moderne Sklaverei entschieden zu bekämpfen. Wenn sich an diesem dramatischen Zustand nichts ändere, sei die Welt nicht in der Lage die UN-Nachhaltigkeitsziele
zu erreichen, sagte Ryder. Der Kampf gegen Armut, die Bekämpfung von Sklaverei sowie Schutz und Unterstützung für Kinder zählen mit zu den wichtigsten Zielen des Nachhaltigkeitskatalogs, auf den sich die Staats- und Regierungschefs geeinigt haben.

Das Ziel 8.7 befasst sich mit dem Ende der Sklaverei. In der gleichnamigen Allianz haben sich die Staaten und zivilgesellschaftliche Akteure zusammengeschlossen, um das Ziel bis zum Jahr 2030 zu erfüllen. Der Vorsitzende der Walk Free Foundation, Andrew Forrest, bezeichnete die hohe Zahl der ausgebeuteten Menschen als „Schande“. Die Angaben seien ein Zeichen sowohl für das erschreckende Ausmaß an Diskriminierung und Ungleichheit in der heutigen Welt, als auch für das Stillschweigen über Ausbeutung. „Das muss aufhören“, sagte Forrest. Politik, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und jeder Einzelne müssten dazu beitragen, diese Zustände zu ändern.

Auch die Anti-Sklaverei-Organisation International Justice Mission (IJM) appellierte an die Weltgemeinschaft, sich für die ausgebeuteten Menschen einzusetzen. Dietmar Roller, Vorstandsvorsitzender von IJM Deutschland, sprach sich für einen globalen Fonds zu Beendigung von Sklaverei aus. Großbritannien und die USA hätten bereits jeweils 25 Millionen US-Dollar zugesagt, um einen solchen Fonds einzurichten. „Das Ausmaß und die Schrecken von Sklaverei sind skandalös“, sagte Roller. „Sklaverei gibt es auch in Deutschland und ist in vielen unserer Lieferketten zu finden.“ Er rief die nächste Bundesregierung dazu auf, Maßnahmen gegen Sklaverei zur Priorität zu machen und für den Fonds ebenso 25 Millionen US-Dollar zur Verfügung zu stellen.

Links
system/files/global_estimates_of_child_labour-results_and_trends_2012-2016.pdf
www.ilo.org/global/topics/sdg-2030/lang--en/index.htm
www.alliance87.org/#alliance-events
ijm-deutschland.de/

 

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