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Vorgestellt: Veronika Stossun - Kolleginnen enttäuscht
„Do gehörsch nei!“ Veronika Stossun hat den Rat ihrer Mutter befolgt. Als sie mit 14 Jahren beim Unterbekleidungsproduzenten Triumph in Aalen zu arbeiten anfing, trat sie gleich in die Gewerkschaft ein. Aus Oberschlesien stammend, war die Mutter als Flüchtling in einem schwäbischen Dorf hängen geblieben. Ein „Dach über dem Kopf“ und „Geld verdienen“ lautete ihr Kredo. Für eine gute Schulausbildung der Tochter fehlte das Geld.
In der Gewerkschaft Textil und Bekleidung „habe ich Blut geleckt“, erinnert sie sich. Sie wurde ihre Heimat, ihr Gymnasium, ihre Universität. Und ihre Kampfarena für Gerechtigkeit. Veronika Stossun war Jugendvertreterin, wurde in den Betriebsrat gewählt und übernahm 1990 dessen Vorsitz. Zwei Jahre zuvor hatte sie den Sprung in den Aufsichtsrat gemacht. 2004 wurde sie Vorsitzende des europäischen Betriebsrats von Triumph; inzwischen hatte sich die Textilgewerkschaft mit der IG Metall vereint. In dieser Funktion trifft sie einmal im Jahr Vertreter aus Ländern, in denen Triumph Niederlassungen hat. „Von Beginn an war das eine ziemlich zähe Geschichte“, resümiert die 60-Jährige: verschiedene Sprachen, Mentalitäten und Entsendemodalitäten. So seien anfangs aus Italien nur hauptamtliche Gewerkschafter in den Europa-Betriebsrat gekommen, von Jahr zu Jahr andere. „Vertrauen schaffen“ und „Kontinuität gewährleisten“ waren ihre ersten Ziele. Außerdem sei es darum gegangen, eine gemeinsame Verständigungsebene zu schaffen. Schnell hatte sich herausgestellt, dass Begriffe wie „Betriebsratsvorsitzender“ anderswo eine andere Bedeutung haben.
Diese Anfangsschwierigkeiten seien überwunden, sagt Veronika Stossun. Trotzdem sieht sie ähnliche Probleme auf weltweiter Ebene. Wenn Triumph-Mitarbeiterinnen in Thailand oder auf den Philippinen um ihre Arbeitsplätze kämpften, so seien die Hintergründe auch für sie als Gewerkschafterin nicht immer klar. Sie könne sich vorstellen, dass die Triumph-Kolleginnen aus Asien „sehr enttäuscht sind“ über die geringen Einwirkungsmöglichkeiten der hiesigen Gremien. Sie selbst tut es dennoch der Mutter nach: Ihren eigenen Sohn hat sie schon zur Gewerkschaft gebracht. Ihre vier Enkel wird sie auch dorthin führen.
Thomas Kinzel
Der Autor ist freier Journalist in Stuttgart
