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Gertrud Moll: Adressatin für Hilferufe
Sie ist nicht der gestylte Karrieretyp. Gertrud Moll stellt sich mit gewinnendem Lächeln vor, bestellt „ein Bleifreies“ und genießt ihr alkoholfreies Bier. Schon seit Ende ihres Studiums arbeitet die 55-jährige Stuttgarterin bei Bosch. Noch länger macht sie in der IG-Metall Gewerkschaftsarbeit, seit gut zwei Jahrzehnten auch auf dem internationalen Parkett. „Wie die Jungfrau zum Kind“ sei sie dazu gekommen, beschreibt die Diplom-Mathematikerin ihren Weg, der sie zunächst mit den Kollegen in den brasilianischen Bosch-Dependancen Campinas und Manaus verbindet. „Uns wird seit Jahrzehnten vorgehalten, das Ausland produziert billiger“, erzählt die seit 2005 freigestellte Betriebsrätin. „Da wird ständig versucht, uns gegeneinander auszuspielen“. Ihr Fazit: „Es muss einen fairen Ausgleich geben.“ Auch in der Krise. Dafür kämpft sie. Inzwischen weltweit. Wenn Bosch-Mitarbeiter aus dem spanischen Alcalá de Henares vor dem Hauptsitz der Geschäftsbereichsleitung im deutschen Schwieberdingen demonstrieren, um sich gegen die Werksschließung zu wehren, dann ist Gertrud Moll mit dabei – als Übersetzerin. Spanisch, Englisch, Portugiesisch, Französisch und Latein sind die Sprachen, in denen sie sich heimisch fühlt. „Wenn man den Kollegen etwas vorstottern kann, kommen sie gleich auf einen zu“, skizziert sie ihre Erfahrungen mit internationaler Verständigung. Klar, dass sie die Adressatin für Hilferufe aus aller Welt ist, wenn wieder einmal ein angeblich unrentables Bosch-Werk geschlossen oder ein Teil der Belegschaft auf die Straße gesetzt werden soll. Dann übersetzt sie für den Gesamtbetriebsrat.
Sie sei „immer links gewesen, schon vom Studium her“, sagt die gebürtige Heilbronnerin, die sich heute auch für „die Linke“ engagiert. Damals Fachschafts-vertreterin, schrieb sie ihre Diplomarbeit („Optimale Bestellmengen“) bei Daimler und wurde dort 1978 als IG-Metall-Mitglied gewonnen. Zwei Jahre später begann sie bei Bosch. Dort setzte sie sich für Mitarbeiterbelange ein und wurde 1994 Betriebsrätin.
Sie feilte an Betriebsvereinbarungen mit, bei denen es um Ergonomie, Beschränkung von Leistungskontrolle und Datenschutz geht. Und natürlich liegt ihr die Gleichstellung von Frauen und Männern am Herzen.
Thomas Kinzel
Der Autor ist freier Journalist in Stuttgart.
