Der Krise ausgeliefert: Heimarbeiterinnen im Süden

 

Titel_Pakistan.jpgFünf bis sechs Stunden pro Tag näht Shahida Asif Blusen und Kurtas, lose pakistanische Hemden. Die Blusen sind sicher für den Export, meint sie, denn in Pakistan trägt niemand solche Kleidung. Wohin die Blusen gehen, weiß sie nicht, für sie macht es auch keinen Unterschied. Sorge bereitet Shahida Asif jedoch die stark abnehmende Nach­frage nach solchen Blusen. Denn der Mittelsmann, von dem sie Aufträge und Material bekommt, will immer weniger davon. Noch vor zwei Jahren näh­te Shaida Asif bis zu elf Stunden am Tag. Jetzt ist es nur mehr halb so lang, und jedes Mal muss sie mit dem Mittelsmann streiten, damit er den Stück­preis nicht noch weiter herabsetzt. „Wir kommen kaum noch über die Runden“, sagt Shahida Asif.

Die Witwe lebt mit ihrem Sohn, der Schwieger­tochter und dem Enkel in einer Hütte in Orangi Town, einem riesigen Slumviertel im Nordwesten von Karachi, der pakistanischen Hafenmetropole. Ihr Sohn Faisal arbeitete einige Jahre in einer Fa­brik, doch voriges Jahr verlor er seinen Job. Vor drei Monaten kam er dann als Tagelöhner bei einem Großhändler unter, aber der behandelte ihn so schlecht, dass er die Arbeit aufgab. „Mein Sohn muss sich nicht anbrüllen und schlagen las­sen“, sagt Shahida Asif, „ich will nicht, dass er unter solchen Bedingungen arbeitet. Irgendwie werden wir es schon schaffen.“ Wo die Mutter bei den Ausgaben einsparen will, kann sie selbst nicht sagen. Während die Arbeit weniger gewor­den ist, sind die Preise für die Grundnahrungsmittel gestiegen. Davon, sich selbst ein neues Gewand zu kaufen, träumt Shahida Asif nicht einmal mehr.

Shahida Asif ist eine von zehntausenden Frauen, die in Orangi Town ihren Unterhalt mit Heimarbeit verdienen. Sie nähen oder besticken Bekleidung, weben Teppiche, rollen Räucherstäbchen und Beedi-Zigaretten. Tag für Tag sitzen sie am Boden ihrer ärmlichen Behausungen und arbeiten. Selbst in den besten Zeiten ist es schwierig für sie, damit ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Denn sie sind der Willkür der Mittelsmänner ausgeliefert.

Mehr als 90 Prozent der Arbeiterschaft in Pakistan ist im informellen Sektor tätig, mehr als die Hälfte davon sind Frauen. Rund zehn Millionen pakista­nische Frauen sollen als Heimarbeiterinnen ihr Geld verdienen. Dennoch ist dieser Sektor bis heute nicht geregelt; er fällt nicht unter die Ar­beitsgesetzgebung, und es gibt keine gesetzlich fest gelegten Mindestlöhne. Heimarbeiterinnen verfügen über keinerlei ökonomische oder soziale Absicherung. Eine Rücklage für schlechte Zeiten anzu-legen, ist für sie unmöglich. Weltweit gehören die Menschen, die im informellen Sektor tätig sind, zu den Ärmsten der Armen.

Auch in anderen Ländern des globalen Südens ist die große Mehr­heit der erwerbstätigen Frauen und Männer im informellen Sektor aktiv. Es handelt sich um hunderte Millionen von Menschen. Un­geachtet der großen Zahl bleibt ihr Schicksal auch in der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise zu­meist unbeachtet. Berichte gab es über die Mil­lionen Fabrikarbeiter und Arbeiterinnen, die in China ihre Jobs verloren und in ihre Heimatdörfer zurück gehen mussten; Veröffentlichungen gibt es auch über die weltweit steigende Zahl der Ar­beitslosen. Doch die umfassen nur jene Menschen, die zuvor eine feste Anstellung hatten. Frauen wie Shahida Asif zählen nicht dazu.

 

Brigitte Voykowitsch

Die Autorin ist freie Journalistin in Österreich

 

 

nsn