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Aus Projekten und Kampagnen. Kick gegen Sklavenarbeit

Im Dezember 2009 soll in Kapstadt am „Green Point“ das letzte von zehn Fuß­ballstadien für die Fußballweltmeister-schaft 2010 eingeweiht werden. Wer daran mitgebaut hat, muss keinen Eintritt bezah­len: FIFA hat allen 20.000 Bauarbeitern der Stadien Freitickets zugesagt.

Das Kartengeschenk gehört zu den Erfolgen einer gewerkschaftlichen Kampagne in Südafrikas Bau­sektor. Noch im Juli 2009 haben Streiks in der gesamten Bauindustrie Südafrikas internationales Aufsehen erregt, weil auch in den WM-Stadien die Arbeit stockte. „Wir kämpfen nicht um Brot, wir kämpfen um Brocken“, sagte Lesiba Seshoka von der Bergarbeitergewerkschaft NUM. 70 Pro­zent aller Bauarbeiter in Südafrika verdienen we­niger als 2.500 Rand im Monat; das sind etwa 250 Euro. Ein Lohn, der zum Leben gerade aus­reicht, läge bei 3.000 Rand. Als die Streikenden im Juli zwölf Prozent Lohnerhöhung durchgesetzt hatten, nahmen sie die Arbeit wieder auf. Jetzt liegt der Mindestlohn im Bausektor bei 2.933 Rand im Monat.

Der sieben Tage dauernde Streik war der 26. Aus­stand im Rahmen der Kampagne für gute Arbeit, die drei im Bausektor tätige südafrikanische Ge­werkschaften mit internationaler Unterstützung Ende 2007 auf den Weg gebracht haben. In einer von der Internationale der Bau- und Holzarbeiter (BWI) im September veröffentlichten Broschüre mit dem Titel „2010 World Cup and the Construc­tion Sector – Campaign for Decent Work“ sind sie aufgelistet: 20 Aktionen waren wilde Streiks, die meisten drehten sich um den Stundenlohn, um Transport zu den Baustellen oder um Sicher­heitsprobleme. In der Summe ist es ihnen gelun­gen, die Bedingungen im Bausektor im ganzen Land zu verbessern; Mindestlöhne wurden auch auf die Vertragsfirmen ausgedehnt, und es wurden Beauftragte für Gesundheit und Sicherheit ge­wählt. Für die südafrikanischen Gewerkschaften wurde die Kampagne 2010 auch zum Erfolg beim „Orga­nizing“: fast die Hälfte der insgesamt 22.000 Arbeiter auf den Baustellen trat in eine der drei beteiligten Gewerkschaften ein. Das ist bei dem hohen Anteil von Leiharbeitern in dieser Branche bemerkenswert. Wo die Arbeiter nach Projektab­schluss von Baustelle zu Baustelle geschickt wer­den, ist die Mitgliederbetreuung besonders schwie­rig, schreibt der Koordinator der Kampagne für gute Arbeit, Eddie Cottle, in der Broschüre der BWI: „Diese Art von Anstellung bedeutet keine würdige Beschäftigung, sie steht eher für einen sklavenähnlichen Austausch von unfreier Arbeit“. Nach Auffassung des Gewerkschaftsbundes CO­SATU gehört sie verboten.

Die Gewerkschaften im Bausektor, die ihre Erfah­rungen und Erfolge an die Kollegen in Brasilien für die WM 2014 weiterreichen wollen, wenden sich in Südafrika nun den Straßenhändlern und Obdachlosen zu, die ebenfalls ein paar Brocken von den Gewinnen der Weltmeisterschaft erhoffen. Sie haben dazu Kontakt mit der Nicht-regierungs­organisation StreetNet International aufgenom­men. Die In­teressen von Menschen im informellen Sektor stehen auch im Mittelpunkt der Kampagne deut­scher Nichtregierungsorganisationen, die unter dem Titel „Kick for One World“ Verdienst­mög­lichkeiten für lokale Händlerinnen und Händler und öffentliche Übertragungen der Spiele fordert.

Nur bei einem Gewerbe wollen zivilgesellschaftlich Engagierte eine Teilhabe am WM-Boom verhin­dern: dem der Prostitution. Sie ist in Südafrika verboten, wird aber faktisch von der Polizei weit­gehend toleriert, schreibt Rita Schäfer in ihrem Beitrag „Rotlicht 2010“ in der Zeischrift „afrika süd“ 2/2009. Südafrika sei sowohl Zielland als auch Drehscheibe für den Handel mit Frauen aus Afrika, Osteuropa und China. Während afrikani­sche Frauennetzwerke bereits Öffentlichkeitskam­pagnen zum Schutz vor Zwangsprostitution ge­startet haben, streiten die Südafrikanerinnen noch über den Sinn einer Legalisierung der Prostitution. In Deutschland will der Deutsche Frauenring der Zwangsprostitution wieder einen „Abpfiff“ geben.

 

Sigrid Thomsen
Link zur BWI-Broschüre: www.bwint.org