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Aus der Arbeitswelt: Kolumbien. Widerstand gegen Paramilitärs

Montería gilt als die inoffizielle Hauptstadt der Paramilitärs in Kolumbien. An der Uni­versität haben die Gewerkschaften nach Jahren des Terrors Widerstand gegen sie in Gang gesetzt. Álvaro Vélez Aviaso legt Wert darauf, dass sein Name nicht mit dem des Präsidenten verwechselt wird. „Ich bin kein Freund von Álvaro Uribe Vélez. Er ist schließlich mitverantwortlich dafür, dass wir hier gegen den Einfluss der Paramilitärs kämpfen“ sagt der hagere Gewerkschafter mit dem von grauen Haaren durchzogenen Schnurrbart. Nur einige Meter entfernt stehen zwei bullige Typen auffällig unauffällig herum – Bodyguards.  Aviaso steht ebenso wie Gewerkschaftssekretär Robinson Hosten unter Polizeischutz, denn es hat Morddroh­ungen gegen die beiden Uni-versitätsangestellten gegeben. Verantwortlich dafür sind die national­konservativen Paramilitärs, die Andersdenkende auf Todeslisten setzen. „24 Mitarbeiter der Uni­versität, Professoren, Techniker und Verwaltungsan­gestellte sind seit Mitte der 90er Jahre ermordet worden“, erklärt Hosten, ein gewichtiger Mann mit Schirmmütze. „Unsere Universität wurde quasi von den Paramilitärs gleichgeschaltet. Der Rektor ist von Carlos Castaño faktisch eingesetzt wor­den“.

Carlos Castaño und Salvatore Mancuso hatten Mitte der 90er Jahre in Montería die „bäu­erliche Selbstverteidigung von Córdoba und Ura­bá“ (ACCU) gegründet, die gedeckt und in Koo­­pe­ration mit der Armee im nördlichen Teil Kolum­biens operierte. Montería, die Hauptstadt des Departamento Córdoba im Nordosten Kolum­biens, wurde zur Basis des paramilitärischen Clans. Im Country Club der Viehzüchter-metropole gingen Mancuso, der heute in den USA im Gefängnis sitzt, und der 2004 wahrscheinlich von den ei­genen Leuten ermordete Carlos Castaño jahrelang ein und aus. „Der Chef der lokalen Viehzüchter­vereinigung, Rodrigo García Caicede, war ein guter Freund von ihnen“, erklärt Álvaro Vélez Aviaso und rückt seine Brille zurecht. Hinter seinem Rücken ist das Hauptgebäude der Universität mit den leicht verbli-chenen Graffitis zu sehen. „Weg mit den Paramilitärs“ oder „Keine weiteren Motor-sägenmassaker“ steht auf der Fassade geschrieben. Die Slogans sind Zeugnisse des Aufbruchs, den die Gewerkschafter gemeinsam mit Iván Cepeda, dem Koor-dinator der Bewegung der Opfer von Staatsverbrechen (Movice), einge­leitet haben. „Wir sind Opfer der Kooperation zwischen Staat und Paramilitarismus, wollen Ge­rechtigkeit und endlich wieder ein Klima des Dialogs an der Universität“ betont Aviaso. Er hat gemeinsam mit Hosten dafür gesorgt, dass die Zustände in der Millionenstadt ans Licht kamen. „Vor zwei Jahren haben wir uns mit der Bitte um Hilfe an Cepeda gewandt“, sagt Avasio. Dabei zieht der gelernte Tischler mit Professoren und Studenten an einem Strang.

Im Januar wurde der Rektor Claudio Sánchez Parra verhaftet – die Beweise gegen den univer­sitären Statthalter der Paramilitärs waren so stich­haltig, dass die Justiz einschreiten musste. „Zu verdanken haben wir das Iván Cepeda, der in mehreren Artikeln und einem solide recherchierten Buch das paramilitä­rische Netzwerk in Montería aufgedeckt hat“, erklärt Miguel Palomino Cantilla, Professor für Veterinär­medizin. An der Uni hat das für eine Aufbruchstimmung gesorgt. Ende Februar wurde für die Entlassung weiterer ver­meintlicher Para­militärs in der Verwaltung ge­streikt. Seitdem eine internationale Anwaltsde­legation aus Europa die Uni besuchte, sei der Dialog mit der Universitäts­leitung besser gewor­den, so Aviaso: „Internatio­nale Aufmerksamkeit ist für uns ausgesprochen wichtig, denn die pa­ramilitärischen Strukturen existieren schließlich noch“. Das bestätigt auch Iván Cepeda. Regel­mäßig reist der Menschen­rechtsaktivist nach Montería, um den Neuanfang zu unterstützen: „Man darf nicht lockerlassen, denn bisher wird in Montería noch nicht einmal darüber diskutiert, das von den Vieh­züchtern finanzierte Denkmal zu Ehren der Para­militärs abzureißen.“

 

Knut Henkel
Der Autor ist freier Journalist in Hamburg.