Uruguay: Lohnräte lassen die Gewerkschaften wachsen
Die klassische Gewerkschaftsbewegung steuere auf ihr Ende zu, sagen Experten. Sinkende Mitgliederzahlen scheinen dem Recht zu geben. Doch im kleinen Uruguay meldet die Zentrale des Gewerkschaftsbundes in den letzten Jahren immer neue Rekorde. Zählte der PIT-CNT Anfang des 21. Jahrhunderts kaum mehr als 100.000 Mitglieder, so verkündet er heute stolz einen Zuwachs auf 320.000 Mitglieder. Nächstes Ziel ist eine halbe Million.
Begonnen hat dieses Wachstum, als die „Frente Amplio“, ein linkes Parteienbündnis, 2004 die Regierung übernahm. Ihre Politik stärkte die geschwächte Arbeiterschaft und griff Forderungen des PIT-CNT auf. Der Gewerkschaftsbund hatte sich nur mühsam vom Terror der Militärdiktatur (1973–1985) erholt. Auch die nachfolgenden demokratischen Regierungen drängten die Arbeiterbewegung mit neoliberaler Politik in die Defensive. Die ursprünglich 1943 eingerichteten „consejos de salarios“, Räte für die Lohverhandlungen, waren seit 1992 nicht mehr einberufen worden. „Den Arbeitern ist es schlecht ergangen, als die consejos ausgeschaltet wurden“, meint Fernando Pereira, Koordinator des PIT-CNT. Manche Unternehmen weigerten sich einfach zu verhandeln.
Die „Frente Amplio“ setzte die „consejos de salarios“ wieder ein. Heute sind sie beim Arbeitsministerium angesiedelt. Der Staat stellt drei Vertreter, Gewerkschaften und Unternehmerverbände jeweils zwei. Für jeden Industrie- und Handelszweig werden in diesen Räten Mindestlöhne und Arbeitsbedingungen ausgehandelt. Die sind für die weiteren Lohn- und Gehaltsverhandlungen auf der Ebene von Unternehmen oder Industriebranche wegweisend. Kein Unternehmer kann den Minimallohn unterschreiten.
Wenn keine Einigung erzielt wird, schlichtet die Regierung. Im zweiten Amtsjahr verabschiedeten Abgeordnetenhaus und Senat einen besseren Kündigungsschutz. Arbeitgeber müssen nun nachweisen, dass gewerkschaftliche Aktivitäten kein Grund für eine Kündigung waren. Der Kündigungsschutz, aber vor allem die „consejos de salarios“ haben viele Arbeiter davon überzeugt, dass es sich lohnt, Mitglied in einer Gewerkschaft zu werden. Sie konnten sehen, dass das Gewicht in den Räten umso größer ist, je stärker ihre Gewerkschaft ist. Die stärksten Gewerkschaften haben bislang auch die besten Tarifabschlüsse erzielt.
Seitdem es wieder „consejos de salarios“ gebe, „sind die Reallöhne um 25 Prozent gewachsen“, hat Julio Baraibar, Arbeitsdirektor im Arbeitsministerium, ausgerechnet. Kritisiert wird allerdings, dass die Regierung den Reichtum nicht besser verteilt hat. Fernando Pereira: „Zehn Prozent der Bevölkerung hat Geld wie Heu!“ Der Mitgliederzuwachs hält ungebrochen an, vor allem in der Metallbranche, im Handel und in den Schlachthöfen. Im bislang gewerkschaftsunfreundlichen Informatikgeschäft, in Supermärkten und Einkaufszentren gelang ein erster Durchbruch. Als großen Erfolg wertet der Gewerkschaftsbund, dass es endlich gelungen ist, die Landarbeiter zu organisieren. Inzwischen wurde für sie der Achtstundentag durchgesetzt.
Hausangestellte sind erstmals als Arbeiterinnen anerkannt und können einen Mindestlohn einfordern. Sie lassen sich allerdings nur sehr schwer organisieren, schränkt Ruben Villaverde vom Gewerkschaftsinstitut „Cuesta Duarte“ ein, ebenso wie Arbeiter in Kleinbetrieben. Die Nähe zum „patron“ erleichtert es nicht gerade, auf gewerkschaftliche Forderungen zu pochen. Nun will die Regierung einen „historischen Qualitätssprung“ machen, wie Arbeitsminister Eduardo Bonomi es ausdrückt – mit dem „System der Kollektivverhandlungen“. Ihr Gesetzentwurf garantiert das Recht auf Kollektivverhandlungen durch den Staat; Verhandlungen, auch über Produktionspläne und Gewinnbeteiligung, sind Vorschrift. Das ärgert die Unternehmerverbände: Es verstoße „gegen das Prinzip freier und freiwilliger Verhandlungen“. Besonders empört die Arbeitgeber, dass Betriebsbesetzungen unter das Streikrecht fallen sollen. Das sei ein Anschlag auf das Privateigentum. Im Verein mit den beiden traditionellen Parteien laufen sie Sturm gegen das Gesetzesvorhaben. Wenn es nach der Regierung geht, wird es noch vor den Wahlen Ende Oktober verabschiedet.
Karl-Ludolf Hübener
Der Autor ist freier Journalist in Montevideo, Uruguay.
Foto: © Karl-Ludolf Hübener
