Kommentiert: Organisieren ist international
Auch in Deutschland müssen wir wieder mehr Gerechtigkeit zwischen Arm und Reich herstellen. Dafür brauchen wir mitgliederstarke Gewerkschaften. Selbst wenn das duale System der industriellen Beziehungen unseren Gewerkschaften weit reichende institutionelle Rechte einräumt: die Basis im Betrieb und bei den Beschäftigten und damit die Durchsetzungsfähigkeit von Gewerkschaften muss grundlegend gestärkt werden.
Die Organisierung und Interessenvertretung von Beschäftigten in transnationalen Konzernen oder die Durchsetzung von Arbeitsrechten für prekär Beschäftigte: das sind internationale Aufgaben, dieser Herausforderung müssen wir uns gemeinsam mit anderen Gewerkschaftsbewegungen stellen. Dabei können wir voneinander etwas lernen. „Organizing“ zum Beispiel ist ein Handlungsansatz von Gewerkschaften im US-amerikanischen System, der Elemente von öffentlicher Mobilisierung einbezieht.
Nach Großbritannien sind Gewerkschaften nun auch in Deutschland dabei, den Organizing-Ansatz gezielt zu erproben. Beispiele sind Projekte im Sicherheitsgewerbe und die Kampagne gegen die Drogeriekette Lidl. Mit ihr gelang es, das Prinzip „billig“ auf Kosten der Beschäftigten zu durchbrechen und Arbeitszeiten besser zu erfassen und zu bezahlen. Es gibt mehrere aktuelle Organizing-Projekte bei ver.di, der Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten (NGG) und der IG Bau Agrar Umwelt. Die IG Metall hat jetzt eine eigene Abteilung für Kampagnen und Organisierung eingerichtet und startet erste größere Organisierungsprojekte.
Erfolgreiche Ansätze, ob das Organizing der US-Gewerkschaften oder Methoden aus Uruguay, bedürfen immer einer Anpassung an die Verhältnisse in Deutschland. So können Gewerkschaften in den USA weder auf betriebliche noch Unternehmensmitbestimmung setzen; sie haben auch keine Tarifautonomie. Dagegen fehlt in Deutschland noch immer ein gesetzlicher Mindestlohn, mit dem Beschäftigte erfolgreicher organisiert werden könnten.
Unsere institutionellen Rechte sollten wir verteidigen und noch mehr als bislang nutzen. Das Beispiel aus Uruguay zeigt, wie wichtig gesetzliche Rahmenbedingungen für Erfolg oder Nicht-Erfolg von Gewerkschaften sind. Zugleich sind wir in Deutschland gezwungen, unsere Kräfte vermehrt auf die Beschäftigten und ihre Mobilisierung zu richten: viele von ihnen arbeiten mittlerweile ohne Tarifbindung, befristet oder zu Niedriglöhnen. Die Organisierung genau dieser Beschäftigten – in der Regel in wachsenden Branchen – ist eine überlebensnotwendige Aufgabe. Die Weltwirtschaftskrise macht das nicht einfacher. Allerdings zeigen uns die PIT-CNT und andere Beispiele, dass Erfolg auch in schwierigen Zeiten möglich ist.
Agnes Schreieder
Die Autorin ist stellvertretende ver.di-Landesbezirksleiterin in Hamburg.
Foto: © ver.di
