Aus Projekten und Kampagnen - Türkei: Schmutzige Bettwäsche
Die türkische Textilfabrik Menderes Tekstil verletzt systematisch Arbeitsrechte. Zu ihren Kunden zählen das Einrichtungshaus Ikea und das Textilunternehmen Ibena. Doch die ignorieren die Missstände.
Bis zu 16-Stundentage ohne Wochenende, fehlende Sicherheitsvorkehrungen und Löhne, die nicht ausreichen, um die Existenz zu sichern: Unter diesen Bedingungen malochen viele türkische Arbeiterinnen in informellen Textilfirmen. Glücklich kann sich schätzen, wer in einem Zulieferbetrieb für deutsche oder internationale Unternehmen arbeitet. Denn die behaupten, auf die Einhaltung von grundlegenden Arbeitsrechten entlang ihrer Produktionsketten zu achten.
Die Textilfabrik Menderes Tekstil in Denizli, im Südosten des Landes, ist solch ein Zulieferer, für Bettwäsche. Dennoch beschreibt Julia Thimm von der "Kampagne für Saubere Kleidung" die Arbeit in diesem Betrieb als "gefährlich, da internationale Sicherheits- und Gesundheitsstandards nicht eingehalten werden." Im November 2008 verunglückte ein Arbeiter tödlich, als er in den Lüftungsschacht eines Kohleheizers fiel. Augenzeugenberichten zufolge seien die Sicherheitsmaßnahmen nicht eingehalten worden. Auf Anweisung der Geschäftsleitung versuchten drei Männer, den Leichnam zu bergen. Auch sie erlitten Vergiftungen, die im Krankenhaus behandelt werden mussten.
"Wir haben im März 2008 begonnen, uns gewerkschaftlich zu organisieren, um gegen die schlechten Arbeitsbedingungen vorzugehen", sagt Engin Sedat Kaya von der türkischen Textilarbeitergewerkschaft TEKSIF. "Nachdem wir die Menderes-Geschäftsführung darüber in Kenntnis gesetzt hatten, entließ oder versetzte sie zahlreiche Gewerkschafter sowie ihre Familienangehörigen." Daraufhin demonstrierten Arbeiter und Gewerkschafter über sechs Monate lang vor der Fabrik für ihre Rechte auf Vereinigungs- und Gewerkschaftsfreiheit. Bislang erfolglos. "Die Menderes-Geschäftsführung weigert sich mit uns zu sprechen", so Engin Sedat Kaya.
Nach Angaben der "Kampagne für Saubere Kleidung", die auch von IG Metall, ver.di und DGB Bildungswerk unterstützt wird, sind Ikea, Ibena und das Versandhaus Otto seit Monaten über die Missstände in der Fabrik informiert. "Allerdings haben sie die Verstöße entweder abgestritten oder weitere Untersuchungen gefordert", bestätigt Kampagnen-Mitarbeiterin Julia Thimm. Erste Schritte zur Aufklärung der Arbeitsrechtverletzungen habe bisher nur Otto unternommen. "Wir erwarten von Unternehmen, dass sie in der gesamten Zuliefererkette internationale Arbeitsrechte einhalten und sich an die Zusagen ihrer Verhaltenskodices halten", so Julia Thimm.
Angesichts der Finanzkrise beobachten Kampagnen-Mitarbeiter eine Verschlechterung der Arbeitsbedingungen in der Textil- und Bekleidungsindustrie weltweit. In der Türkei trifft die Krise auf eine stark angeschlagene Branche. Bis vor drei Jahren führte sie noch die türkischen Exportbilanzen an. Doch als Folge der Liberalisierung des Welttextilhandels war die türkische Industrie der chinesischen Konkurrenz in dem darauf einsetzenden Preiskampf nicht mehr gewachsen. Bereits im Jahr 2008 sind die Bestellungen großer europäischer Bekleidungseinkäufer in der Türkei um 20 Prozent zurückgegangen. Ein Drittel der Unternehmen musste schließen, zehntausende der etwa zwei Millionen Beschäftigten verloren ihre Arbeitsplätze. Für das laufende Jahr wird mit weiter sinkenden Umsätzen gerechnet.
"Die Stimmung in den Betrieben hat sich verändert", berichtet Franz Zimmermann, der europäische Filialisten mit türkischen Textilien beliefert. "Vor einigen Jahren haben die Arbeiter noch versucht, für ihre ohnehin geringen Rechte zu kämpfen. Aus Angst vor der Arbeitslosigkeit traut sich das heute keiner mehr." In die Verantwortung nimmt der Textilhändler auch die internationalen Konzerne, die in der Türkei produzieren lassen. "Einerseits fordern sie von den Zulieferern die Einhaltung ihrer Vorschriften, andererseits versuchen sie, die niedrigen Fernost-Preise in der
Türkei durchzudrücken." Mit einer fairen Einkaufspolitik ist das nicht vereinbar.
Ehemaliger Menderes-Arbeiter zeigt Narbe von Arbeitsunfall.
Michaela Ludwig
Die Autorin ist freie Journalistin in Hamburg.
Weitere Informationen: www.saubere-kleidung.de
Fotos: © TEKSIF
