Aus der Arbeitswelt: Mexiko - Sozialtraum mit Marktzugang

mexiko1.jpgVor der mexikanischen Stadt Guadalajara liegt eine besondere Fabrik. Das Reifenwerk in El Salto wird von Arbeitern und Investoren gemeinsam gemanagt - und hat Erfolg in der Krise, seit ihm jetzt auch der US-Markt offen steht. 

Salvador Pantilla dreht an den Reglern der Vulkanisierungsmaschine. Dann nickt er zufrieden und schreitet die Maschinenstraße hinunter zur nächsten der riesigen Apparaturen, in denen die Reifen Form und Profil erhalten. Weit und breit ist kein Vorarbeiter zu sehen; die langen Gänge wirken aufgeräumt und ungewöhnlich sauber für eine Reifenfabrik. Auf den fragenden Blick sagt Pantilla lachend: "Ja, das war nicht immer so, aber wir sind ja auch keine normale Fabrik". Der 58-Jährige Reifenarbeiter blickt sich um, winkt einem Kollegen zu übernehmen und marschiert
in einen anderen Hallenabschnitt, wo es ruhiger zugeht und nicht so nach heißem Gummi riecht.

"Wir arbeiten hier seit vier Jahren in Eigenregie. Da geht man automatisch etwas anders mit Material und Maschinen um", erklärt Pantilla. Der baumlange Mann mit dem breiten Kreuz und dem eisgrauen Schnauzer ist ein Stück lebendiges Inventar in der Reifenfabrik von El Salto. Er hat schon ein paar Monate nach der Eröffnung der weitläufigen Fabrik 1971 angeheuert. So gut wie heute hat es dem Mann, der wegen der Temperaturen an der Vulkanisierungsmaschine die obersten Knöpfe seines karierten Hemdes geöffnet trägt, noch nie gefallen

mexiko2.jpg"Jeder der Arbeiter ist auch ein Miteigentümer. Wir arbeiten eigenverantwortlich. Derzeit fahren wir die Produktion gerade wieder hoch, weil die Nachfrage nach langen Monaten der Krise endlich wieder steigt", frohlockt Pantilla mit leuchtenden Augen. Seit dem Frühjahr 2005 wird keine Entscheidung in dem ehemaligen Continental-Werk vor den Toren der Millionenstadt Guadalajara ohne die Arbeiter getroffen. Ihnen gehören zurzeit 42 Prozent der Anteile. "Wir haben es uns einfach nicht gefallen lassen, dass man uns Knall auf Fall vor die Tür setzte. Drei Jahre haben wir das Werk bestreikt und für unser Recht gekämpft", erklärt Pantilla. Nicht nur in Mexiko wurde damals gegen das selbstherrliche und nicht im Einklang mit den mexikanischen Gesetzen stehende Vorgehen des Hannoveraner Reifenmultis protestiert. Der hatte versäumt, für die Werkschließung eine Genehmigung einzuholen, und mehr als tausend Arbeiter entlassen. Doch schließlich gaben die Manager aus Hannover klein bei und machten den Weg frei für ein in der mexikanischen Arbeitergeschichte mehr als ungewöhnliches Experiment.

"Wir haben das Werk gemeinsam mit einem mexikanischen Investor übernommen. Seit dem Juli 2005 werden hier Reifen unter vollkommen neuen Voraussetzungen hergestellt", erklärt Jesús Torres Nuño. Der ehemalige Vorsitzende der Gewerkschaft ist heute Präsident der "demokratischen Arbeiter von Occidente", Tradoc. So heißt die Kooperative, die von den sechshundert Arbeitern, die den dreijährigen Streik durchhielten, gegründet wurde. Tradoc agiert auch noch vier Jahre nach dem Übergang in die ungewollte ökonomische Selbständigkeit mit dem Ziel, Arbeitsplätze zu erhalten. 740 sind es jetzt, 140 mehr als zu Beginn der Kooperation mit einem privaten Investor.

Zu dem mexikanischen Autozulieferer hat sich seit einigen Monaten ein zweiter gesellt - der US-amerikanische Reifenproduzent Cooper. "Der sorgt für den Zugang zum US-Markt und versorgt das Werk zu deutlich günstigeren Konditionen mit den Rohstoffen", freut sich Torres Nuño. Ohne diese Kooperation wäre das Werk auf mittlere Sicht kaum lebensfähig gewesen. Mit dem großen US-Partner können Pantilla, Torres und ihre Kollegen den Traum vom sozialen Unternehmen weiter in die Tat umsetzen. Das fängt damit an, dass alle Mitglieder der Kooperative annähernd das gleiche verdienen und endet damit, dass schon mal Leute eingestellt werden, die anderswo entlassen wurden. Für Salvador Pantilla ist das ein Stück praktizierte Solidarität.

Knut Henkel

Der Autor ist freier Journalist in Hamburg

Fotos: © Knut Henkel

nsn