Vorgestellt: Barbara Miranda - Papierlose Gewerkschafter
Noch einen Milchkaffee. Dann muss sie los. Zu Verdi. Um Menschen ohne Papiere zu beraten, wenn sie Ärger mit dem Arbeitgeber haben. Barbara Miranda gehört zu dem Arbeitskreis, der die Beratung im Berliner Gewerkschaftshaus organisiert. Das Projekt ist noch neu. Sie ist aufgeregt. Wer wird wohl heute kommen? Im Hauptberuf ist Barbara Miranda Kindermädchen. Sie kam vor sieben Jahren aus Chile nach Deutschland, weil Teile ihrer Familie hier leben. Als Touristin. Und blieb. Ohne Papiere. Die 28-Jährige trägt modische Sneakers, dazu ein buntes warmes Tuch um die Schultern, einen Stil-Mix aus Berlin-Kreuzberg und Latino, ein Bild für ihr Lebensgefühl: "Ich bin mit dem einen Fuß hier und mit dem anderen Fuß da", sagt sie. So zu leben wie ihre Freundinnen in Chile würde ihr heute schwer fallen. Aber hier in Berlin sehen viele sie als Fremde. Erst gestern sagte wieder ein Mann "schlimme Worte" zu ihr, weil sie Ausländerin ist. Trotzdem: "Das ist mein Zuhause."
Bei Respect, einem europäischen Netzwerk, das Migrantinnen - vor allem Hausangestellte - unterstützt, traf sie Frauen, die ähnlich empfinden. Das hat sie gestärkt. "Wir waren immer die Armen, die Opfer, immer die mit den vielen Problemen", sagt sie, "weil wir illegal hier leben, kann jeder alles mit uns machen. Aber wir drehen jetzt die Tortilla um und kämpfen." Erst neulich kam eine Frau zu ihr und erzählte, sie sei von ihrem Chef sexuell belästigt worden, dem Inhaber einer Pizzeria. Zur Polizei gehen konnte sie nicht. Der Typ hätte schlicht gesagt: Wieso, die hab ich nie gesehen. Und die Frau wäre die Kriminelle gewesen, weil sie illegal in Deutschland lebt. "Aber wenn Verdi dem Mann einen Brief schreibt, - unser Mitglied ... ist von Ihnen belästigt worden - dann spürt der: Er kann nicht alles machen. Das ist ein Anfang."
Sechs Jahre hat es gebraucht, um die Gewerkschaft für die Arbeit mit Menschen ohne Papiere zu öffnen. "Wir sind auch Arbeiterinnen", hat Barbara Miranda immer wieder gesagt, "wir möchten Mitglied bei euch werden." Seit 2008 berät nun die Gewerkschaft in Hamburg, seit März 2009 gibt es zweimal im Monat eine Sprechstunde in Berlin. Barbara Miranda jammert nicht, dass es für die Beratung kein Honorar gibt. "Wir sind viele", sagt sie mit Schalk in den Augen. "Wenn die ersten 1000 von uns bei Verdi sind, verhandeln wir neu."
Cornelia Gerlach
Die Autorin ist freie Journalistin in Berlin
Foto: © Kerstin Zillmer
