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Aus der Arbeitswelt: Sierra Leone - Hoffen auf den großen Stein
120.000 Schürfer werden in Sierra Leones Diamantenminen ausgebeutet. Die Minenarbeitergewerkschaft versucht sie zu organisieren, doch "Unterstützer" schüchtern die Arbeiter ein. Zielstrebig schreitet Mohamed Bah zu seinem Arbeitsplatz unten am Wasser. Unter dem Arm klemmt sein Arbeitswerkzeug: ein flaches, wagenradgroßes Sieb. "Ich muss warten, bis meine Kollegen das Geröll herüber tragen", erklärt der 39-Jährige, der seit zehn Jahren Diamanten schürft. Wie eine offene Wunde frisst sich das Abbauloch mit seinen Auswucherungen in den Busch hinein.
Bungema 1 ist eine der unzähligen oberirdischen Minen in Kono, dem östlichsten Bezirk in Sierra Leone. In dem kleinen westafrikanischen Staat werden Diamanten bester Qualität gefördert und zur Weiterverarbeitung ins Ausland exportiert. Sie sind Fluch und Segen zugleich, denn mit dem Verkauf der so genannten "Blutdiamanten" finanzierten die Rebellen auch den blutigen Bürgerkrieg, der erst vor sieben Jahren endete.
Obwohl der Sektor 120.000 Menschen beschäftigt, das sind zehn Prozent der erwachsenen Bevölkerung, profitieren nur wenige von diesem Reichtum. Die überwiegende Mehrheit arbeitet wie Mohamed Bah informell, in einer Art Knechtschaft. Die kleinen, oberirdischen Minen gehören in der Regel Sierra-Leonern. Der lukrative unterirdische und industrielle Abbau hingegen liegt in den Händen weniger ausländischer Unternehmen wie der südafrikanischen Koidu Holdings Ltd. Die gehört zum Konzern Diamond Works, einer Tochterfirma der während des Bürgerkriegs in diesem Gebiet eingesetzten Söldnertruppe Executive Outcomes. In der vor wenigen Monaten erschlossenen Mine Bungema 1 arbeiten mehr als 150 Schürfer.
Land und Lizenz gehören einem hohen traditionellen Führer. Verwaltet wird die Mine vom Dorfgemeinschaftskomitee, das am Gewinn prozentual beteiligt ist und damit in die Dorfentwicklung investiert. Die "Wäscher" stehen bereits bis zu den Knien im Wasser und säubern das Geröll mit den kreisenden Bewegungen der Siebe. Während sie mit ihren muskulösen Armen die Siebe in die Brühe tauchen und weiter rotieren lassen, sammeln sich die Steine in der Mitte. Die Blicke gleiten voller Sehnsucht über das wertlose Geröll. "Kein Diamant", sagt Mohamed Bah. Wieder nichts, seit Tagen schon. Da die Schürfer keine Ersparnisse besitzen, von denen sie leben und eigenes Werkzeug kaufen können, sind sie auf Investoren, so genannte "Unterstützer" angewiesen. Das sind relativ wohlhabende Bauern oder Händler. Sie stellen ihren dreiköpfigen Arbeitstrupps Werkzeug und zahlen jedem am Tag pro Kopf 2000 Leones, umgerechnet 50 Eurocent, als Vorschuss für die Verpflegung.
Mohamed Bah lebt von der Hoffnung, den großen Diamanten zu finden - und von den 50 Eurocent am Tag. Davon muss er auch das Schulgeld für seine 18-jährige Tochter zahlen. Wie er das alles schafft? Er zuckt resigniert die Schultern, Verzweiflung und Sorge haben sich tief in sein Gesicht gegraben. "Wenn ich abends nach Hause komme, schwöre ich mir, dass ich aufhöre", erzählt er. "Am Morgen gehe ich wieder los, weil ich hoffe, dass ich heute endlich einen großen Stein finde." Den letzten - der hatte zwei Karat - fand er vor über zwei Jahren. Der "Unterstützer" hat ihn verkauft und seinen Anteil und die Ausgaben abgezogen. Für Mohamed Bah blieben 150 000 Leones übrig. Das sind umgerechnet knapp 40 Euro.
In der Hauptstadt Freetown sitzt Ezekiel R. Dyke in seinem Büro mit Blick auf den Atlantik. "Die Schürfer werden ausgebeutet", sagt der Generalsekretär der Gewerkschaft der Minenarbeiter (United Mineworker Union, UMU). Deshalb will die UMU diesen informellen Arbeitsbereich organisieren. Vor vier Jahren lud sie die traditionellen Führer und die Ältesten, Politiker, Manager, Unterstützer und Schürfer zu einem großen Workshop nach Koidu. Dort gelang es, Vereinbarungen über Arbeits- und Sicherheitsstandards zu treffen. "Wir wollen die Beteiligten dabei unterstützen, Kooperativen mit diesen Vereinbarungen zu gründen", sagt der Gewerkschafter.
Doch es ist schwierig, die Schürfer als Gewerkschaftsmitglieder zu gewinnen. "Die Unterstützer schicken die Arbeiter weg, wenn sie hören, dass sie in der Gewerkschaft sind", sagt Ezekiel R. Dyke. "Das schreckt die Arbeiter ab." Er hofft auf die Unterstützung von Entwicklungsorganisationen und der Regierung.
Michaela Ludwig
Die Autorin ist freie Journalistin in Hamburg
Foto1: © Karin Desmarowitz/agenda
Foto2: © Karin Desmarowitz/agenda
