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Aus der Arbeitswelt: Berlin - Europa macht härter

Maria* ist Peruanerin und seit fünf Jahren in Deutschland. Sie putzt in Berlin für ein karges Einkommen, ihr Sohn in Peru blieb in Cusco zurück. Himmelblau sind Marias Gummihandschuhe. Die 39-Jährige schrubbt nicht vorhandene Kalkstellen aus einem Bürospülbecken irgendwo in Berlin-Kreuzberg. Sie steht gebeugt, die Sonne auf dem Rücken. "Tengo que trabajar, trabajar, trabajar" - Ich muss arbeiten, arbeiten, arbeiten. Nur die Arbeit verschaffe ihr Rückendeckung, erzählt sie. Denn ihre Aufenthaltserlaubnis läuft im August 2010 aus. Verlängert wird sie nur, wenn ihr Lebensunterhalt gesichert ist - so steht es im Zuwanderungsgesetz. Momentan allerdings ist nichts sicher in Marias Leben. Im Juli letzten Jahres hat sie ihre Anstellung bei einer Putzfirma verloren. Seitdem bezieht sie 350 Euro Arbeitslosengeld. Außerdem putzt sie drei Stunden die Woche in Kreuzberg und sporadisch bei einem Professor in Potsdam. In ihrer Freizeit sammelt sie Pfandflaschen. Dass sie in der elften Woche schwanger ist, macht die Sache nicht leichter.

"Pero lo puedo hacer", sagt sie immer wieder: Aber ich kann es schaffen. Ihr Mann Pedro, ebenfalls Peruaner, ist zwei Wochen zu Besuch in Berlin. Der 42-Jährige hat nur eine Arbeitserlaubnis für Spanien, nicht für Deutschland. In Madrid arbeitet er als Zusteller. Damit er nachkommen darf, braucht seine Frau eine feste Arbeit. Mindestens 1500 Euro netto müsste sie im Monat verdienen, sagt sie. Als sie noch regulär putzte, brachte sie es gerade mal auf 780 Euro netto. Anfangs arbeitete sie für 6,25 Euro die Stunde bei einer Leiharbeitsfirma. Dann putzte sie für 7,15 Euro von sechs Uhr morgens bis halb eins. Die Arbeitsbedingungen waren gut, sagt Maria. Besonders die Stimmung unter den Kollegen. Doch der Zeitdruck sei enorm gewesen. Sie wienerte, so schnell sie konnte, um Büros und Stockwerke rechtzeitig fertig zu bekommen. Dennoch wurde ihr Vertrag nach zwei Jahren nicht verlängert. Gewerkschaftlich organisiert ist Maria nicht. "Ich kenne keine Gewerkschaften hier in Berlin", sagt sie. Und ergänzt, dass es vielleicht gut wäre, sich zusammenzutun. "Dann wüsste ich etwas über meine Rechte als Arbeiterin."

In Europa liege das Geld auf der Straße, glaubte die junge Maria, als sie in ihrer Heimatstadt Cusco nahe der alten Inca-Stadt Machu Picchu die Wäsche fremder Señoras im Fluss knetete. Der peruanische Himmel war blau wie die Berliner Gummihandschuhe. Maria und Pedro schlugen sich damals mit Gelegenheitsjobs durch. Einen Tag gab es Arbeit, den anderen nicht. So ist das in Peru.

Im Januar 2004 bekam sie ein deutsches Visum. Sie packte ihren großen Hartschalenkoffer und ging. Maria verließ ihr Ein-Zimmer-Haus in Cusco, ihren Ehemann Pedro und ihren 15-jährigen Sohn Enrique. "Die Opfer, die du und ich bringen, sind nicht umsonst", sagte die Mutter dem Sohn dann jahrelang am Telefon. Enriques Ausbildung im Hotelwesen kostete Geld. Sie schickte 150 Euro monatlich. Seit kurzem nicht mehr, denn der Junge ist jetzt 20 und arbeitet für die Fluggesellschaft LAN Perú. Sie hofft, dass er die Probezeit besteht. Auf dem Foto neben Marias Bett ist er noch immer ein pausbäckiger 15-jähriger Bub.

Die Peruanerin wohnt in einem graffitiverzierten Hinterhaus in Kreuzberg. 27 Leute, darunter Feministinnen, Autonome und Frauen wie Maria, teilen sich eine Küche. Die Möbel in ihrem Zimmer sind Geschenke: eine gebrauchte Bettcouch mit Blümchenmuster, ein klappriges Regal - und ein moderner Flachbildfernseher: Den bekam sie zu Weihnachten von dem Professor, dessen Wohnung sie putzt. Er brauche ihn nicht mehr, hat er in die Karte geschrieben. Europa hat die ganze Familie verändert. Der Sohn ist selbständig geworden, Maria stärker, aber auch härter. Ihr Mann sagt, sie zeige ihm nicht mehr, dass sie ihn liebt. Sie sagt ihm, sie fühle nicht, dass er glücklich ist. Dabei erwarten sie ein Kind. Morgen haben sie einen Anwaltstermin. Vielleicht, hoffen sie, ändert die Schwangerschaft etwas, vielleicht kann er doch noch legal einreisen.
 
Ines Renninger
 
Die Autorin ist freie Journalistin in Berlin

*Die Namen wurden von der Redaktion geändert.

 

Foto: © Kerstin Zillmer