Vorgestellt: Vo Van Nhat - Kopfweh vom Wandel

vovannhat.jpgVo Van Nhat ist ein alter Hase. Seit 27 Jahren arbeitet er in der internationalen Abteilung des vietnamesischen Gewerkschaftsdachverbandes VGCL, heute ist er Vizedirektor. Das 86-Millionen-Land  befinde sich in einer komplizierten Übergangsphase zu einer Marktwirtschaft, sagt der zierliche 56-Jährige mit den kurzen, nach hinten gekämmten Haaren in fließendem Englisch. Die kommunistisch geführte Regierung und die Gewerkschafter verfolgten dabei dasselbe Ziel: Vietnam zu einem „starken Land“ zu machen. Nhat (gesprochen: Nyat) wuchs in der ländlich geprägten Provinz Ha Tinh auf, 120 Kilometer nördlich der früheren Grenze zwischen Süd- und Nordvietnam. Kindheit und Jugend standen ganz im Zeichen des Vietnamkriegs. Nach einem Literaturstudium in Moskau und einem zweijährigen Wehrdienst landete er beim VGCL, wo auch sein Vater war. Die spannendste Zeit erlebte er Anfang der 1990er Jahre: In der sich auflösenden Sowjetunion setzte er sich als Botschaftsattaché für die Rechte von 20.000 vietnamesischen Arbeitern ein.

Seit zehn Jahren pflegen die Vietnamesen gute Beziehungen zum DGB. Fortbildungsprogramme in Sachen Arbeitsbeziehungen stehendabei ganz oben auf der Agenda. Als Gast der IG Metall besuchte Nhat zuletzt sechs norddeutsche Werften. „Für uns ist alles neu“, fasst er den radikalen Umbruch in seiner Heimat  zusammen ,„Jahr für Jahr wächst der Arbeitsmarkt um eine Million Menschen, wir lernen doch erst gerade, wie man mit ausländischen Firmen umgeht“. Von Jahr zu Jahr steigt die Anzahl der Spontanstreiks, 2008 waren es offiziell 762. Rein ökonomisch sei die Politik der offenen Tür sinnvoll, meint Nhat mit einem entwaffnenden Lächeln. Doch der rapide kulturelle Wandel, in dem seine zwei Kinder aufwachsen, vor allem „Videos, Drogen, Internetspiele“, bereiten ihm jeden Tag Kopfschmerzen. Nie würde er zugeben, dass seine Regierung  mit der Abfederung des Wandels überfordert sein könnte. Seine Sorgen kleidet der freundliche Literaturexperte in eine Metapher: „Durch die offene Tür kommen eben nicht nur schöne Vögel herein,sondern auch gefährliche Insekten“.

Gerhard Dilger

Foto: © Gerhard Dilger

nsn