Titel: „Bei uns bleibt der Dreck“– Aluminium vom Amazonas

dreck_amazonas.jpgSie sind drei Tage den Amazonas flussabwärts gefahren zum Weltsozialforum in Belém, Ercio Santos und zwei andere Gewerkschafter von der größten Bauxitmine am Amazonas. Dort warteten Kolleginnen und Kollegen aus Deutschland und Brasilien bei einer Aluminiumkonferenz auf sie. Atemlos berichtete Ercio den Teilnehmen- den,was gerade in Jurutí passiert war: 1500 Indigenas hatte die Militärpolizei mit Tränengas vertrieben.

Sie hatten im Regenwaldgebiet, wo der amerikanische Konzern Alcoa eine neue Bauxitmine errichtet, die Baustelle besetzt. Die Waldbevölkerung verlange die ihr zustehende Entschädigung, zumal ein Fünftel des künftigen Abbaugebietes in einer Schutzzone liege, erklärte Ercio Santos. Alcoa habe bisher noch nichts bezahlt. Gleichzeitig werden die traditionellen Gemeinden von heftigen sozialen Konflikten erschüttert: „Seit bekannt ist, dass hier ein Großkonzern investiert, gibt es eine massive Zuwanderung Arbeitssuchender, und die Gemeinde ist darauf nicht vorbereitet. Es gibt Drogen und Kriminalität“.

Den anderen Hauptschauplatz der Aluminiumproduktion im Amazonasgebiet, Barcarena, haben die Konferenzteilnehmer besucht. Dort sind die sozialen Verwerfungen schon länger ein Problem. Die Aluminiumwerke Albras und Alunorte – Inseln des Wohlstands für zwei- bis dreitausend Stammarbeiter – haben ein Heer von Arbeitssuchendenan gelockt. Sie leben in schlammigen  Elendsvierteln in Hütten ohne Strom und warten auf ihre Chance wie auf einen Lottogewinn. In einem Flachbau
an der löchrigen Hauptstraße sitzt Lúcio Maciel unter Neonröhren. Er ist der Vorsitzende der Metallgewerkschaft von Barcarena und auch so etwas wie ein Bürgermeister. „Ja, die Fabriken sind ein Fortschritt für die Region, aber der Schaden ist noch größer“, sagt Lúcio. „Heute haben wir hier in Barcarena eine Gemeinde von 90.000 Menschen, aber es fehlt überall an Infrastruktur. Für Zehntausende gibt es keine Schulen; die Arbeiterkinder werden leer ausgehen, wenn sie keine Facharbeiterausbildung erhalten“, sorgt sich der Gewerkschafter.

Seinen Lagebericht bestätigen die Wissenschaftler vom gewerkschaftsnahen Forschungsinstitut Observatório Social. „Das größte Problem ist, dass in der Region von all dem Wohlstand dieser Fabriken nichts ankommt“, fasst Felipe Saboya die Aluminiumstudie zusammen, die im Auftrag des DGB Bildungswerks gerade fertig gestellt wurde. Der Werksleiter der Hütte Albras berichtet von Magen- und Darmerkrankungen in den Gemeinden wegen des schlechten Trinkwassers, doch das sei „nicht unser Problem“.

Soziale Verantwortung von Unternehmen reicht hier offenbar nur für eine einzige Vorzeigeschule und ein paar Sozialprogramme für wenige. Die Aluminiumschmelze von Albras spuckt im Sekundentakt Alubarren für den Export und die weltweite Weiterverarbeitung aus. Albras gehört zur Hälfte den Japanern, die die energiefressende und umweltschädliche Aluminiumproduktion schon Anfang der 80er Jahre aus ihrem eigenen Land ausgelagert haben. Mittlerweile lagern die Rückstände in der Gemeinde von Barcarena, in einem der sensibelsten Ökogebiete der Welt: hundert Millionen Tonnen Rotschlammaus 20 Jahren Aluminiumoxid-Produktion, schätzt der Konzernbetriebsratsvorsitzende des Hamburger Aluminiumwalzwerks Peter Camin. „Da tickt eine echte Zeitbombe“, klärt der Rotschlammexpertedie brasilianischen Kollegen auf, die das DGB Bildungswerk zur Aluminiumkonferenz eingeladen hatte. Die Konzerne suchten zwar hektisch nach Lösungen, aber bis heute wisse niemand, was mit den durch Arsen und Quecksilber belasteten Rotschlammdeponien zu tun sei.„Die Umweltbelastung nimmt zu, die Flussfischer können nicht mehr vom Fischfang leben, weil dieFlüsse zu verseucht sind“,  bestätigt Ray Barreto vom brasilianischen Gewerkschaftsbund CUT. Lúcio will, dass mehr von der Weiterverarbeitungin Barcarena bleibt. „Die meisten Arbeitsplätze sind doch im Ausland, und bei uns bleiben die Rückstände. Das kann nicht sein“.

Cornelia Girndt

Die Autorin ist Redakteurin der Zeitschrift  „Mitbestimmung“

Link zur Aluminiumstudie:
www.observatoriosocial.org.br/portal/images/stories/publicacoes/aluminio_eng.pdf

nsn