Nord-Süd-Netz Visual

Aus den Projekten: DGB Bildungswerk in Belém: Wem nützen Großprojekte?

Zum Weltsozialforum (WSF) trafen sich Ende Januar in Brasilien 115.000 Umweltschützer, Menschenrechtler und Kapitalismus-Kritiker aus aller Welt. In Belém an der Amazonasmündung machte das DGB Bildungswerk „Ökologie, Ökonomie und Menschenrechte im Amazonas“ zum Thema.

Es war keine einfache Debatte im Seminarraum der Universität Belém. In die Stadt an der Amazonasmündung waren auch viele Indigenas, Flussfischer und Kleinbauern gekommen, die von Holzschlag, Rinderzucht und Sojaanbau auf riesigen Flächen betroffen sind, Großprojekten also, deren Nutzen zunehmend strittig ist. „Die Weltwirtschaftskrise muss uns Anlass sein, über unser Wachstumsmodell nachzudenken“, sagte Dieter Eich, Leiter des DGB Bildungswerks, und verwies auf die Folgen von Staudammprojekten in Amazonien.

„Wir alle sind befangen in einem Wachstumsmodell“, entgegnete Rogerio Pontoja, Spitzenfunktionär der Amazonaskommission des brasilianischen Gewerkschaftsbundes CUT. „Wem werden diese Großprojekte dienen? Den Multis? Oder der regionalen Bevölkerung? Das sind für uns die großen Fragen“. Auf Staudämme ganz verzichten, wo Brasilien doch eine  Energiekrise habe,  wollte Rogerio nicht: „Wir haben zu wenig Strom, das bereitet uns schlaflose Nächte“. Eine Studie seiner Kommission über neue Verkehrsinfrastrukturprojekte und Wasserkraftwerke im Amazonasgebiet hat das DGB Bildungswerk unterstützt. „Die CUT hat noch keine einheitliche Meinung zur industriellen Entwicklung“, vermittelte Clodoaldo Pontes, Assistent der CUT-Amazonaskommission. Er versicherte, dass Studien und Unterstützung des DGB den Gewerkschaftern in zahlreichen Diskussionsrunden mit der Bevölkerung argumentativ sehr geholfen hätten. Doch die Deutschen müssten sehen, dass in der Amazonasregion viele arme und einfache Leute leben. Die Hälfte der Bevölkerung hat keinen Strom und bekommt nur den Mindestlohn von 415 Reales (150 Euro).

„Es sind die Rinder, die den Urwald zerstören“, sagte Clodoaldo, „das Agrobusiness mit Rindfleisch, Soja und Holz für den Export“. Auf genau dieses Agrobusiness im großen Stil setzt der brasilianische Präsident Lula, der der CUT nahe steht. Lula will die Armut bekämpfen und Arbeitsplätze schaffen, für ihn seien „die Ressourcen Brasiliens unerschöpflich“, berichtete Jürgen Reichel vom Evangelischen Entwicklungsdienst aus einem dreistündigen Gespräch zwischen Lula und dem internationalen Rat des WSF: „Die Kluft zwischen dem Ex-Gewerkschafter Lula und dem Weltsozialforum ist größer geworden“. Umso wichtiger sind der fortgesetzte Dialog und neue Ideen, die eine Finanzierung für den Erhalt der Ressourcen vorschlagen. „Warum bekommen nur diejenigen Geld, die den Wald wieder aufforsten, und nicht diejenigen, die ihn erhalten“, spielte Dieter Eich darauf an. Um die Land- und Waldressourcen gibt es in Amazonien derzeit hässliche Auseinandersetzungen. „Viele Gewerkschafter sind in Konflikten um die widerrechtliche Aneignung von Land umgebracht worden; der brasilianische Staat ist noch nicht fähig, hier einzugreifen, um die Menschen im Amazonasgebiet zu beschützen“, berichtete Rogerio Pontoja mit großer Sorge. 750 Gewerkschafter seien allein im letzten Jahr ums Leben gekommen. Killer arbeiten gegen Kopfgeld, die drei Bischöfe von Maranhao stehen unter Polizeischutz. Darüber will die CUT bei ihrem diesjährigen Kongress diskutieren. Und über das neue Sekretariat für Umweltschutz, das im Gewerkschaftsdachverband geschaffen werden soll. „Auch deshalb ist uns die Partnerschaft mit dem DGB Bildungswerk so wichtig“, sagt Clodoaldo.

Cornelia Girndt
… ist Redakteurin der Zeitschrift „Mitbestimmung“

Foto1: © Jürgen Hennemann
Foto2: ©  Jürgen Hennemann