Straßenhändlerinnen in Indien: Wir sind viele

wir_sind_viele.jpg„Wer ist denn der Arbeitgeber?” Und: „Gegen wen wollen diese Leute denn kämpfen?” Das waren zwei der häufigsten Einwände gegen die Gründung einer Gewerkschaft für selbständig erwerbstätige Frauen.

Indiens Behörden reagierten zunächst ablehnend, doch aus menschenrechtlicher und sozialpolitischer Perspektive liegt nichts näher als diese Form von Gewerkschaft. Heimarbeiterinnen, Straßenverkäuferinnen, Hausangestellte und Landarbeiterinnen leisten einen wesentlichen Beitrag zur indischen Wirtschaft. Die meisten aber haben keinerlei soziale Sicherheit und keinen Zugang zu geregelten Bankleistungen; von der Arbeitsgesetzgebung sind sie gar nicht erfasst. Ganz im Gegenteil: Straßenhändlerinnen wurden von der Polizei sogar belästigt und zu Kriminellen gestempelt, auch wenn ihre Produkte – Blumen, Obst, Gemüse, kleine Haushaltsartikel –den Menschen willkommen sind.

„Eine Gewerkschaft muss nicht gegen jemanden kämpfen, sie kann für jemanden und für etwas kämpfen  allen voran für die Rechte der Arbeiterinnen”,erklärte die Anwältin Ela Bhatt. Sie setzte sich durch. 1972 wurde SEWA (Self Employed Women’s Association) als Gewerkschaft registriert. In der indischen Nationalsprache Hindi bedeutet Sewa zugleich „Dienst für den anderen“. „Der Mensch muss im Mittelpunkt stehen, wenn wir eine echte Entwicklung anstreben“, betont die Gründerin. „Wir können die Armut nicht beseitigen, solange wir den Armen kein Mitspracherecht gewähren.“ Für sie stehen die Allerärmsten – und damit die Frauen – im Zentrum. Sie führen den Kampf gegen ihre Rechtlosigkeit und Armut selbst. Für SEWA bedeutet das größtmögliche Demokratie innerhalb der Organisation; die Mitglieder äußern ihre Anliegen selbst und definieren ihre Ziele. Ela Bhatt gibt offen zu, wieviel sie selbst von diesen Frauen über Armut und deren rechtliche wie gesellschaftliche Ursachen gelernt hat. SEWAs Geschichte ist ein langwieriges Ringen um die Rechte der selbständig arbeitenden Frauen.

Vor allem musste rechtlich geklärt werden, wo sie wann tätig sein durften. Frauen im gleichen Gewerbe, etwa Milchproduzentinnen oder die Erzeugerinnen traditioneller Textilien und handwerklicher Produkte, organisierten sich in Kooperativen. Dadurch können sie sich gegen die Übervorteilung durch Mittelsmänner zur Wehr setzen. Bereits 1974 wurde die SEWA-Bank gegründet, die den Frauen Spar- und Mikrokreditprogramme anbietet und sie damit aus der Abhängigkeit von Geldverleihern und Wucherern erlöst. Insgesamt sind die Frauen bei der Rückzahlung ihrer Mikrokredite äußerst verlässlich. Doch immer wieder zeigt sich, wie schnell selbst die seriöseste Kleinstunternehmerin vor dem Nichts steht, wenn sie krank wird, oder wenn ihr Mann erkrankt oder stirbt. Medikamente, Arzt- und Krankenhausrechnungen sowie Transportkosten können in kürzester Zeit eine Existenz gefährden. Auch Unruhen und Naturkatastrophen bedrohen das Überleben.

Schrittweise hat SEWA ein Versicherungspaket entwickelt, das heute Tod und Krankheit, Unfälle sowie Geburts- und Neugeborenenbeihilfe umfasst. Auch Schäden am Haus und an den für die Arbeit erforderlichen Werkzeugen und Maschinen infolge von Unwettern, Naturkatastrophen oder Unruhen sind jetzt versichert.  Wie die Dienstleis tungen der Bank ist auch das Versicherungssystem
unbürokratisch und transparent. „Wir sind arm, aber wir sind so viele” lautet der Titel des Buches, in dem Ela Bhatt über ihre Erfahrungen mit SEWA berichtet. Organisiert hat die Gewerkschaft inzwischen beinahe eine Million selbständige Frauen. Sie ist die größte Gewerkschaft informeller Arbeiterinnen weltweit. Auch wenn noch viel mehr so arm sind.

Brigitte Voykowitsch

Die Autorin ist freie Journalistin in Österreich

Weitere Informationen: www.sewa.org; www.nord-sued-netz.de/de/materialien-downloaden/index.php

Foto: © Akshay Mahajan, flickr, cc 2.0

Weitere Artikel zum Thema:
DGB Bildungswerk zieht mit indischer Gewerkschaft SEWA am selben Strang 

Unsere Broschüre zum Thema:
"Informeller Sektor in Indien...die im Schatten sieht man nicht"

nsn