Kommentiert: Ein Gespür für Lebenslagen
Mehr als 90 Prozent der Beschäftigten in Indien arbeiten im informellen Sektor – und noch immer ist keine soziale Absicherung für sie in Sicht. Die Self Employed Women’s Association (SEWA) hat dies schon Mitte der siebziger Jahre erkannt. Die Vielzahl der indischen Gewerkschaften – jede größere Partei hat ihre eigenen – war damals weit davon entfernt, den informellen Sektor als Problembereich zu identifizieren. Heute erklären die etablierten Gewerkschaften, auch sie organisierten informell Beschäftigte. Doch wenn man nachhakt, bleiben die Angaben über Mitglieder und konkrete Initiativen vage.
Bis zuletzt haben sie versucht, SEWA aus dem Internationalen Gewerkschaftsbund (IGB) herauszuhalten. SEWA organisiere ja Selbständige, führe keine Tarifverhandlungen und sei eher eine Nichtregierungsorganisation, hieß es. Das ließ sich schnell widerlegen.
Seit 2006 gehört SEWA zum IGB, was im eigenen Land erheblich zur Reputation beiträgt. SEWA hat es auf eine beispielhafte Weise verstanden, ihren Mitgliedern, von denen die Mehrheit weder lesen noch schreiben kann, Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen zu geben. Die Funktionärinnen sind gehalten, zeitweise mit den Mitgliedern zu leben, um ein Gespür für die Lebenslagen der Menschen zu entwickeln.
Von dort bringen sie immer wieder neue Ideen mit: das Angebot eines Safes, die Möglichkeit, Kleinstbeträge zu sparen, die von Mitgliedern eingesammelt werden, Alphabetisierungskurse, die die Frauen mobiler machen, weil sie sich dann das Busfahren ohne fremde Hilfe zutrauen.
Die Ehemänner, oft skeptisch gegenüber der Organisation, stellen früher oder später fest, dass auch sie von SEWA profitieren, weil sie mitversichert sind, weil die Frauen Darlehen erhalten und weil in Notlagen SEWA oft genug einspringt. Ohne ein soziales Sicherungssystem wird Indien den Sprung in den Kreis der erfolgreichen Schwellenländer nicht schaffen.
SEWA hat dazu, gemeinsam mit anderen Gewerkschaften, Vorschläge eingebracht. Und eine weitere Großbaustelle ist offen: ein Bildungssystem, das allen Kindern faire Chancen eröffnet. Das DGB Bildungswerk unterstützt dabei SEWA bei ihrer Arbeit. Gemeinsam werden die Bildungsangebote für die Arbeitnehmerinnen ausgebaut: Trainings- und Ausbildungsprogramme zu Alphabetisierung, Arbeits- und Sozialrecht und Computeranwendung werden ebenso organisiert wie die Produktion von eigenen Radioprogrammen und Videos.
Ingrid Sehrbrock
Die Autorin ist stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes
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Unsere Broschüre zum Thema:
"Informeller Sektor in Indien...die im Schatten sieht man nicht"
