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Aus der Arbeitswelt: Prekär ist tödlich

35 Arbeiter sind 2007 und 2008 auf den Werften in der Türkei bei Arbeitsunfällen ums Leben gekommen. 28 von ihnen arbeiteten in der großen Schiffbauregion Tuzla bei Istanbul. Das Wachstum in der Schiffbauindustrie geschieht auf Kosten von Menschenleben. Obwohl die türkische Schiffbauindustrie am  weltweiten Schiffsbaumarkt nur einen Anteil von etwa zwei Prozent hat, nimmt sie seit 2002 stetig und schnell zu. Dieser Sektor wächst weltweit, denn neue Bestimmungen der „International Maritime Organisation” lassen die Nachfrage nach neuen und sicheren Schiffen explodieren.  

In der Region  Tuzla,  wo  mehr  als  80  Prozent  der türkischen Schiffbauindustrie ansässig ist, antworten die Unternehmer auf diese Nachfrageexplosion mit Arbeitsintensivierung: sie verlängern die Arbeitszeiten und beschleunigen den Arbeitsprozess. Dabei wird etwa 90 Prozent der Produktion in Tuzla durch Arbeiter erledigt, die bei Subunternehmen beschäftigt sind. Der Arbeitsprozess ist derart fragmentiert, dass für die 46 Werften von Tuzla tausend bis 1.500 verschiedene Subunternehmungen tätig sind, die auch noch untereinander sehr heterogen sind. Sie sind juristisch unabhängig, jedoch ökonomisch von den Werftinhabern völlig abhängig.

Bis zu 300 Arbeiter können in einem Subunternehmen beschäftigt sein. Daher gehören nur etwa 7.000 Arbeiter den Kernbelegschaften der Werften an, aber die Anzahl der indirekt, also bei Subunternehmungen Beschäftigten beträgt 20.000 bis 25.000. Indirekte Beschäftigung bedeutet weniger Arbeitssicherheit, schlechtere Löhne, unsichere Zukunft und eine sehr hohe Personalfluktuation. Sie ist eigentlich rechtswidrig, denn das türkische Arbeitsrecht verbietet das Abtreten von Teilen der „eigentlichen Arbeit“ an Subunternehmen. Es sind aber fast ausschließlich die indirekten Werftarbeiter, die die „eigentliche Arbeit“ machen. Sie bauen – im Zweifel auf Kosten ihres eigenen Lebens – mittelgroße Tanker für den europäischen und den globalen Markt.

Rechtswidrigkeiten sind in Tuzla eher die Regel als die Ausnahme. Arbeitszeiten von 15 bis 20 Stunden gehören dazu, Entlassung von gewerkschaftlich Aktiven, unregelmäßige Zahlungen zur Sozialversicherung und informelle Arbeit. Wie fatal sich das auswirkt, war nie so offensichtlich wie im letzten Jahr. Das liegt nicht nur an der Serie von Arbeitsunfällen, sondern  auch  an  den  Kampagnen  und  Protestaktionen der Gewerkschaft Limter-Is, die die Hafen- und Schiffbauarbeiter organisiert. Sie hat, unterstützt von Berufsverbänden, Studierenden und anderen Gewerkschaften, im Februar und im Juni  2008  wegen  der Todesfälle  zu Arbeitsniederlegungen aufgerufen.

Der Generalsekretär von Limter-Cem Dinç stellt sie in einen Zusammenhang: „Tuzla ist nicht als ein isolierter Ausnahmefall zu sehen. Überall wo die Arbeitswelt prekarisiert und auf Kosten von Arbeitssicherheit flexibilisiert ist, haben wir als die Interessensvertreter der Arbeiterklasse und der Lohnabhängigen dieselben Interessen. Die massive Ausbreitung verschiedenster Formen von prekärer Arbeit muss verhindert werden.“

Der europäische Metallgewerkschaftsbund (EMF) hat im Oktober 2008 sein jährliches Schiffbaukommissionstreffen in Istanbul abgehalten und eine Resolution gegen die Ausbreitung prekärer Arbeit verabschiedet. Das DGB Bildungswerk Hessen besuchte im Rahmen der Bildungsurlaubswoche „Leben und Arbeiten in Istanbul“ die Schiffbauregion Tuzla zum dritten Mal. Beide halten Kontakt mit Limter-  , die schon seit Jahren aktive Öffentlichkeitskampagnen über die Gründe der Serie von Arbeitsunfällen macht. Ihr Bedarf an Solidarität von nationalen sowie internationalen Berufsverbänden, Gewerkschaften und der Öffentlichkeit ist groß.

Asli Odman

Die Autorin ist Sozialwissenschaftlerin in Istanbul

Link zur EMF-Resolution:www.emf-fem.org/press/press_releases

Foto 1: © Ekrem Erbiz
Foto 2: © Aysen Gurbuz
Foto 3: © Deniz Karateke