Nord-Süd-Netz Visual

Aus der Arbeitswelt: Die Armen kaufen teurer ein

Wie hoch der Mindestlohn sein muss, wird in Uruguay anhand eines Warenkorbs berechnet. Was dort hinein kommt, ist jedoch in den Vierteln der Armen am teuersten. Keiner blickt richtig durch. Allzu reichhaltig ist das Angebot an „Brotkörben“, mit denen Grundbedürfnisse erfüllt und Mindestlöhne berechnet werden können. Ausgerechnet die unternehmerfreundliche Wochenzeitung „Busqueda“, die sonst eher für Lohndisziplin die Werbetrommel rührt, errechnete den höchsten Preis: ihr „familiärer Warenkorb“ kostet etwas mehr als umgerechnet 1.100 Euro.

Bescheiden nimmt sich dagegen die Forderung auf einem Transparent des gewerkschaftlichen Dachverbandes PIT-CNT aus: „Für einen Mindestlohn von 8.500 Pesos“. Das sind umgerechnet etwa 280 Euro, ein Viertel dieser Summe. Der wirkliche Mindestlohn in Uruguay ist derzeit noch viel niedriger: mit 4.150 Pesos liegt er noch unter der offiziellen Armutsgrenzevon 4.912 Pesos! 

Diese Diskrepanzen  ließen  den  Direktor  des gewerkschaftlichen Instituts Cuesta-Duarte in Montevideo nicht ruhen. Ruben Villaverde wollte wissen, was und wie viel in einem „Brotkorb der Arbeiter“ liegen muss. Sein Institut wurde 1989 gegründet  und  nach  zwei   während  der  Militärdiktatur (1973–1985) ermordeten Kollegen benannt. Damit endlich ein verbindlicher Mindestlohn berechnet werden kann, führte es im Februar 2008 eine „Erhebung über Einkommen und Ausgaben der Haushalte“ durch. Ausgewählt wurden Arbeiter aus Industrie, Handel und Dienstleistungen, deren Löhne den offiziellen Mindestlöhnen möglichst nahe kamen. Sie wurden nach unentbehrlichen Ausgaben gefragt: Ernährung, Wohnung, Kleidung, Gesundheit, Haushaltsgüter, Transport und Kommunikation, Bildung und Freizeit.

 Für eine repräsentative Umfrage fehlten dem kleinen Institut sowohl Personal als auch Geld. Doch die Erhebung ergab einen eindeutigen Trend: Ärmere Haushalte zahlen für Nahrungsmittel wesentlich mehr als der Durchschnitt der uruguayischen  Bevölkerung.  Das bestätigte das Nationale Statistikinstitut (INE). Es wird Cuesta-Duarte künftig mit repräsentativen Daten zur Preisentwicklung versorgen, damit die Kosten für eine Grundversorgung kalkuliert werden können.

Mit einer „Kontrolle der Preise“ hat sich das Gewerkschaftsinstitut bereits beschäftigt. Teams von Gewerkschaftern haben auf dem Großmarkt, in Supermärkten und anderen Geschäften die Preise von Nahrungsmitteln notiert, die das Existenzminimum gewährleisten: Brot, Milchprodukte, Eier, Nudeln, Reis, Fleisch, Gemüse, Zucker, Salz, Speiseöl, Hähnchen und Mate-Tee. Dabei entdeckten sie rekordverdächtige Preissteigerungen. So kostete ein Kürbis im Großmarkt 3,50 Pesos, im Geschäft anschließend 16,50 Pesos. Ein Salatkopf, der beim Bauern für zwei Pesos zu haben war, lag im Supermarkt für 29 Pesos aus. Mafia-ähnlich organisierte Zwischenhändler spekulieren mit Lebensmitteln, und Supermärkte hüten ihre Preisgestaltung „wie ein Staatsgeheimnis“, erfuhr
Villaverde bei dieser Aktion.

Damit sich das ändert, hat sich Cuesta-Duarte regelmäßige Preisvergleiche vorgenommen. Sie sollen ein günstigeres Einkaufen, auch für den „Brotkorb der Arbeiter“, ermöglichen. Bislang ist Konsumentenberatung in Uruguay ein unbeschriebenes Blatt. Bei den Medien will Villaverde auf großes Interesse gestoßen sein. Die Frage sei nur, wie die Anzeigenkunden diese schon „fast revolutionäre Handlung“ aufnehmen werden.

„In den reichen Vierteln sind die Preise am niedrigsten, in den ärmsten Vierteln dagegen am höchsten“, weiß Ruben Villaverde. Die kleinen Supermärkte, Kioske und Tante-Emma-Läden, die in Randbezirken ihre Waren anbieten, sind teuer. Gerade dort aber leben Arbeiter, die mit einer schmalen Lohntüte vorlieb nehmen müssen. Doch die Tante-Emma-Läden haben einen Vorteil: Dort werden auch vierzig Gramm Zucker abgewogen, drei Bonbons abgezählt, wird eine einzige Karotte und eine Zigarette verkauft. Und wenn das Geld nicht reicht, wird gestundet.

Karl-Ludolf Hübener

Der Autor ist freier Journalist in Uruguay

Fotos: © Karl-Ludolf Hübener