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Aus der Arbeitswelt: Kleine Quoten für Lohntüten
Perus Küste bietet ideale Fanggründe für die Fischerei. Konkurrenz um eine stagnierende Fangquote aber verschlechtert sowohl Löhne als auch Arbeitsbedingungen auf See und an Land.
Gemächlich schaukeln die Kutter in der Bucht von Chimbote in der lauen Brandung. Einige hundert Kutter und Boote liegen in dem nördlich von Perus Hauptstadt Lima gelegenen Fischereihafen vor Anker. Nur einige wenige Schiffe werden an der lang gestreckten Mole mit Öl, Eis und Nahrungsmitteln versorgt, um bald wieder auszulaufen.
"Derzeit herrscht Flaute, denn die Quote ist längst erfüllt", erklärt Javier Castro Zavaleta. Der 62-jährige Fischer kennt die Kais von Chimbote und die fischverarbeitenden Fabriken dahinter genau. Den Aufstieg des Ortes vom kleinen Fischerdorf zum größten Fischereihafen Perus hat er wie viele andere der 400.000 Einwohner mitgemacht. "In Chimbote befinden sich weit über 40 Fischmehl- und Konservenfabriken, und rund 800 der 1.600 peruanischen Fischereischiffe liegen in der Bucht von El Ferrol", erklärt Castro Zavaleta und winkt zu einem der Schiffe hinüber.
Einer seiner Söhne schiebt dort Dienst. Er ist in die Fußstapfen des Vaters getreten. Dazu würde Javier Castro Zavaleta heute niemand mehr raten. "Wir haben zu viele Fabriken und zu viele Schiffe; die Überkapazitäten sorgen für extremen Druck an Bord und in der Weiterverarbeitung", erklärt der Mann, der seit Ende der siebziger Jahre Mitglied der lokalen Fischergewerkschaft ist. Seit zwei Jahren ist er nun "dirigente", wie in Peru die leitenden Genossen genannt werden, und kämpft gegen Lohndumping und die Aushöhlung von Gewerkschaftsrechten.
"Bis Anfang der 90er Jahre haben wir Fischer in Peru gut verdient. Doch dann begann die große Flexibilisierung unter Präsident Alberto Fujimori. Der Diktator drückte die Modifizierung der Arbeitsgesetze rigoros durch". Die Folgen lassen sich in der Lohntüte der Fischer ablesen. Wer früher umgerechnet 680 Euro nach Hause brachte, bringt es heute nur noch auf 270 Euro. Die Fabriken gehören inzwischen nur noch sieben großen Unternehmen, die sämtlich eigene Fangflotten unterhalten.
"Das freie Spiel der Marktkräfte ist in Peru Realität", sagt Javier Castro mit bitterer Miene. Der Druck auf die Gewerkschafter hat spürbar zugenommen. So wird Compañero Castro längst nicht von allen Fischern an der Mole mit Handschlag begrüßt. Manche Kollegen gucken auffällig unauffällig zur Seite. Kämpferische Gewerkschafter sind in den Betrieben nicht überall gern gesehen, erklärt María Elena Foronda von der Nichtregierungsorganisation Natura. Die setzt sich für die umweltverträgliche Fischerei und Fischverarbeitung in Chimbote ein und arbeitet punktuell mit Gewerkschaften und aufgeschlossenen Unternehmern zusammen. Sie berichtet von einer gelben Gewerkschaft, die "quasi als verlängerter Arm der Unternehmen an Bord und in den Betrieben agiert". Das sorgt für Druck.
Organisiert sind nur zehn Prozent der Fischer in insgesamt fünf Gewerkschaften. In manchen Betrieben sind die Arbeiter nicht mal versichert. Das trifft nicht nur für die Angestellten in der Konservenindustrie zu, wo immer öfter Tagelöhner angestellt werden. Ein Grund dafür ist, dass nur noch an 47 Tagen im Jahr gefangen wird - und nur dann gibt es auch Arbeit. Früher lief die Fangperiode 120 Tage im Jahr, doch aufgrund der riesigen Fangflotte ist die Quote derzeit deutlich schneller erschöpft, erklärt Castro.
Das soll sich nun ändern, denn die Regierung in Lima plant die Fangquoten auf die Schiffe beziehungsweise Unternehmen umzulegen. Während Produktionsminister Rafael Rey dafür wirbt, demonstrierten Ende Juli zahlreiche Fischer in der Hauptstadt Lima gegen die neue Regelung. Sie haben Angst um ihre Jobs, denn bei der Quotenvergabe drohen die Kleinen zu kurz zu kommen. Weitere Fusionen könnten dann anstehen und demzufolge auch Entlassungen. Eine Befürchtung, die Gewerkschafter Castro nicht von der Hand weisen mag.
Knut Henkel
Der Autor ist freier Journalist in Hamburg
Fotos: © Knut Henkel
