- Gute Arbeit Weltweit
- Projekte
- Nord-Süd news
- aktuelle Ausgabe
- vorherige Ausgaben
- Nord|Süd news II/2011
- Nord|Süd news I/2011
- Nord|Süd news IV/2010
- Nord|Süd news III/2010
- Nord|Süd news II/2010
- Nord|Süd news I/2010
- Nord|Süd news IV/2009
- Nord|Süd news III/2009
- Nord|Süd news II/2009
- Nord|Süd news I/2009
- Nord|Süd news IV/2008
- Nord|Süd news III/2008
- Nord|Süd news II/2008
- Nord|Süd news I/2008
- Nord|Süd news III/2007
- Nord|Süd news II/2007
- Nord|Süd news I/2007
- Newsletter bestellen
- Medien
Aus der Arbeitswelt: Kein Cent für die Zukunft
Bangladesh exportiert täglich Millionen Kleidungsstücke auch für deutsche Kaufhäuser, aber die Textilarbeiterinnen haben nicht mal genug zu essen. Ihre Gewerkschaften dürfen im Notstand nicht arbeiten.
Runa ist 18 Jahre alt und macht Hilfsarbeiten in der Näherei von Winwear Limited, einer exportorientierten Textilfabrik in Bangladesh. Sie verdient 1.662 Taka im Monat, umgerechnet 16 Euro. Wenn sie Überstunden macht, kommt sie auf das Eineinhalbfache. Ihr Vater arbeitet auch in der Bekleidungsindustrie. Er verdient 4.500 Taka, knapp 45 Euro - Überstunden eingeschlossen.
Die beiden ernähren von ihrem Lohn Runas Mutter und ihre vier jüngeren Geschwister auf dem Land. Den Umzug in die Stadt konnte sich die Familie nicht leisten. Runa und ihr Vater zahlen für die Miete eines kleinen Hauses nahe der Fabrik schon 1.700 Taka im Monat. "Von einem eigenen Leben brauche ich nicht zu träumen", sagt die junge Frau mit Enttäuschung in der Stimme. "Unsere Familie braucht mein Einkommen, um Leib und Seele zusammenzuhalten. Ich kann keinen einzigen Cent für die Zukunft zurücklegen".
Runas Leben ist typisch für viele Tausende von Arbeiterinnen in der Bekleidungsindustrie in Bangladesh. Ihr gesamtes Einkommen geht für den Lebensunterhalt drauf - und der ist weit unter dem nötigen Niveau, wie eine Studie im Januar 2008 nachgewiesen hat. Im Juni enthüllte ein Überblick einer Nichtregierungsorganisation über 500 Firmen, dass beinahe die Hälfte von ihnen die Löhne nicht pünktlich auszahlt. Ausstehende Löhne und Überstundenbezahlungen haben in der ersten Hälfte dieses Jahres 72 mal zu Arbeitsunruhen geführt. Ihr Ergebnis waren 988 Verletzte bei Zusammenstößen mit der Polizei, 45 Verhaftungen, 78 Entlassungen und mehr als 10.000 Klagen gegen Arbeiter, die an den Demonstrationen teilgenommen hatten, wie Bangladeshs Institut für Studien aus der Arbeitswelt (BILS) dokumentierte.
Der Mindestlohn aber blieb gleich: er liegt seit zwei Jahren bei 1.662 Taka, 16 Euro - so viel, wie Runa ohne Überstunden verdient. Nazma Akhter, Präsidentin des "Garment Workers Unity Forum", findet ihn schlicht "unmenschlich" und erneuerungsbedürftig "bevor weitere Arbeitsunruhen ausbrechen". Nach einer US-Studie über die Arbeitskosten in zehn Textil produzierenden Ländern in Asien sind die Löhne in Bangladesh am niedrigsten, gefolgt von Kambodscha und Pakistan. Am meisten wird danach in Malaysia gezahlt. Die Lebenshaltungskosten jedoch sind im vergangenen Jahr nach dem Jahresbericht der Verbrauchervereinigung in Bangladesh um fast 17 Prozent gestiegen, bei Reis sogar um 35 und bei Mehl um 57 Prozent.
Eine Allianz von Arbeitern und Angestellten forderte die Regierung deshalb im April auf, den Mindestlohn auf 4.500 Taka im Monat heraufzusetzen. Der zweite Geschäftsführer des BILSInstituts, Syed Sultan Uddin Ahmmed, unterstützt diese Forderung: "Wir arbeiten daran, sie auch vor Fabrikbesitzern und der Regierung logisch erscheinen zu lassen, wenn sie die Lebenshaltungskosten bedenken". Die Vertretung von Arbeitnehmerinteressen in Bangladesh jedoch ist schwierig. Weniger als 20 von insgesamt etwa 4.500 Fabriken in der Bekleidungsindustrie lassen nach Auskunft des BILS-Leiters Gewerkschaften zu. Sie beschäftigen insgesamt etwa 2,5 Millionen Menschen, 80 Prozent davon Frauen, und erarbeiten drei Viertel der Devisen des Landes. Zurzeit macht sich Fazlul Hoque, der Präsident der Exportvereinigung von Strickwarenherstellern, Sorgen um die Exporteinnahmen. Immerhin akzeptiert er die Not: "Wir denken an einen zeitweiligen Zuschuss für Lebensmittel für alle Beschäftigten in diesem Bereich".
Seit Januar 2007 ist das Vereinigungsrecht des Landes unter der Notstandsgesetzgebung der Militärregierung ausgesetzt; das setzt besonders den Gewerkschaften zu. Stark sind sie in Bangladesh ohnehin nicht. Sie sind auf nationaler Ebene zersplittert und mit verschiedenen linken und rechten politischen Parteien liiert. Nur unregelmäßig setzen sie sich für die Rechte von Arbeitern ein, und in den von der Regierung kontrollierten Unternehmen wird ihnen sogar Korruption vorgeworfen. Die meisten Unruhen von Arbeitern wurden in den letzten drei Jahren registriert. "Sie könnten vermieden werden, wenn die Gewerkschaften in den Betrieben arbeiten könnten", meint Ahmmed.
Abdul Kader
Der Autor ist Journalist in Bangladesh
Fotos: © agenda/Jörg Böthling
Weitere Informationen:
www.itglwf.org
www.sauberekleidung.de
