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Aus der Arbeitswelt: Freie Mahlzeit und Maulkorb
Das neue Nokia-Werk in Rumänien gibt den Menschen vor Ort Hoffnung auf Arbeit. Die Bezahlung entspricht jedoch nicht den Standards, und das Redeverbot für Mitarbeiter schürt die Gerüchteküche.
Der Bahnhof von Jucu liegt einsam und verlassen vor den Hügeln Siebenbürgens. Nur ein paar Menschen steigen aus dem Zug.
Sie gehen ins Dorfzentrum, drei Kilometer den Hang hinauf. Die Fabrik von Nokia lassen sie dabei links liegen. Aus diesem 4.200 Seelen-Nest arbeiten dort rund 50 Einwohner. Das sind sechs Prozent der Beschäftigten. "Nokia hat einen positiven Einfluss auf die gesamte Region", sagt Bürgermeister Ioan Pojar. Er setzt auf die Sogwirkung des Weltkonzerns. "Die Infrastruktur wird verbessert, und es wird Wohlstand für alle geben", glaubt der Vertreter der demokratisch-liberalen Partei.
Die Menschen vor Ort sind skeptisch. Ein halbes Jahr nach Inbetriebnahme haben sie keine spürbaren Verbesserungen erlebt. Gänse und Hühner stelzen über die Dorfstraße, die bis zum Bürgermeisteramt asphaltiert ist. "Das sind doch Halsabschneider", empört sich Gavril Pop. Der Elektriker sitzt mittags mit den Männern vor der Dorfkneipe und schimpft: "Die zahlen 200 Euro, das ist doch lächerlich!" Gavril Pop verdient bei der Eisenbahn 100 Euro mehr, der Durchschnittslohn im Landkreis Cluj liegt bei 422 Euro.
Ein Stück weiter wohnt eine Frau, die bei Nokia arbeitet. "Sie schläft", sagt ihr Mann vor dem Haus. Reden dürfe sie sowieso nicht. "Sie bekommt 800 Lei", verrät er. Das sind 224 Euro. "Und eine freie Mahlzeit." Der Maler zieht an der Zigarette, kneift dabei das zerfurchte Gesicht zusammen und brummt: "Gut, dass sie den Job hat."
Auf dem Parkplatz vor dem Werk stehen etwa 30 Autos, 25 Kleinbusse und zehn große Busse bereit für den Schichtwechsel. Ab 14 Uhr schieben sich Hunderte Männer und Frauen durch die Drehkreuze am Tor. 800 Menschen beschäftigt Nokia inzwischen. Ende 2009 sollen es 3.500 sein. Landrat Alin Ti e rechnet mit weiteren 11.500 Jobs durch internationale Zulieferer.
"Das Werk in Jucu war von Anfang an für den osteuropäischen Markt gedacht", erläutert Ulrike Kleinebrahm, IG Metall-Bevollmächtigte von Bochum. "Nokia hat einen Strategiewechsel gemacht. In der Öffentlichkeit ist fälschlicherweise der Eindruck entstanden: Wenn Cluj nicht gebaut worden wäre, hätte Bochum bestehen bleiben können. Das ist alles Quatsch." Wie in Ungarn setzt Nokia in Rumänien auf ein Industrieparkkonzept mit ausgewählten Zulieferern, das von der Herstellung bis zur Logistik alles vor Ort bündelt.
Der Vorsitzende der Gewerkschaft Cartel Alfa in der Kreisstadt Cluj Napoca freut sich, dass ein Weltkonzern für Aufbruchstimmung in der Region sorgt. "Im Vergleich zu anderen Unternehmen sind die Arbeitsbedingungen gut", weiß Grigore Pop nach einer exklusiven Werksführung. Dann lehnt er sich lachend zurück: "Es gibt für uns aber noch viel, viel Arbeit!" Erst auf Drängen von Cartel Alfa schrieb Nokia Mindestlöhne fest. 800 Lei für Ungelernte hält Pop zunächst für akzeptabel. Für Wochenendarbeit gebe es Zuschläge, aber keine freien Tage. "Dieses Problem muss noch gelöst werden." Inzwischen existiert eine Arbeitervertretung im Werk, und Cartel Alfa kommuniziert regelmäßig mit dem Management. "Im Herbst soll der Europabetriebsrat hier tagen", so Grigore Pop. Durch die internationale Solidarität hofft er auf bessere Arbeitsbedingungen. Dann hätte Nokia wirklich nichts zu verbergen. Die Zensur des finnischen Kommunikationskonzerns schürt hingegen nur Misstrauen. Vor dem Werk weichen die Leute aus der Frühschicht den Fremden aus. "Wir dürfen mit niemandem sprechen", sagt ein junger Mann auf dem Weg zum Bus.
Nur Ionu Pop gibt unbeschwert Auskunft. Der 21-Jährige studiert Telekommunikation an der Technischen Universität von Cluj und macht in den Semesterferien ein Praktikum bei Nokia. "Das ist eine tolle Chance", findet er. Ionu ist sich sicher, nach dem Abschluss eine Stelle bei Nokia zu bekommen. "Dann muss ich nicht ins Ausland", sagt er, grinst und schaltet sein Nokia-Handy an.
Nicht eingeschüchtert: Student im Praktikum
Constanze Bandowski
Die Autorin ist freie Journalistin in Hamburg
Fotos: © agenda/Karin Desmarowitz
