Olympia-Wanderarbeiter haben ausgespielt

olympias_wanderarbeiter.jpgAls Peking den Zuschlag für die Olympischen Spiele bekam, feierte Zhu Zhengsheng die ganze Nacht. Vielleicht hat er sich sogar noch etwas mehr gefreut als die anderen Menschen, die damals auf den Pekinger Straßen tanzten. Denn ein wenig war es ja auch sein Verdienst.

Zhu wusste wenig über Peking, als er vor zehn Jahren am Westbahnhof aus dem Zug stieg. Zum Glück hatte er die Telefonnummer eines Freundes dabei. Der holte ihn ab und brachte ihn zu der Baustelle. Die war sehr, sehr groß. Am nächsten Tag begann er mit der Arbeit. Er wusste am Anfang auch nicht, was er baute. Er verputzte einfach die Wände, die der Vorarbeiter ihm zuteilte. Später erfuhr er dann, dass in diesem Gebäude einmal die Tischtennisturniere der Olympischen Spiele stattfinden sollen. Im August wird die ganze Welt das Gebäude im Fernsehen sehen - und die Wände, die Zhu verputzt hat. "Ein ganz besonders Gefühl", sagt Zhu, "ich habe etwas beigetragen."

Drei bis vier Millionen Wanderarbeiter haben die chinesische Hauptstadt für die Olympischen Spiele hergerichtet. Niemand kennt die genaue Zahl. Doch Experten schätzen, dass 200 Millionen chinesische Bauern ihr Land verlassen haben, um in den boomenden Wirtschaftszentren zu arbeiten. Chinas Wanderarbeiter sind das Rückgrat des Industriebooms. Vom neuen Wohlstand profitieren sie jedoch am wenigsten.

Millionen Chinesen ergeht es wie Zhu Zhengsheng. Er wohnt im Norden der chinesischen Hauptstadt. Eine breite Straße schlängelt sich dorthin. Irgendwann muss man rechts in eine schmalere Straße abbiegen, wo Bauern ihre Ernte auf den Gepäckträgern ihrer Fahrräder verkaufen. Am Ende einer Sackgasse windet sich ein Feldweg durch eine stinkende Hügellandschaft aus Müll und Kompost. Dann sieht man seine kleine Hütte. Sie steht mitten in einem Neubaugebiet, gleich zwischen funkelnden neuen Hochhäusern der jungen chinesischen Mittelschicht. Deren Angehörige können von ihren Balkons zusehen, wie er sich abends nach der Arbeit am Wasserhahn im Garten wäscht. Doch in all den Jahren hat er noch nie ein Wort mit den Nachbarn in den Hochhäusern gewechselt.

Chinas Wanderarbeiter leben im Schatten der glitzernden Boomwirtschaft; sie sind die Verlierer, die Unberührbaren in der neuen chinesischen Gesellschaftsordnung. Sie schuften für Mindestlöhne in Fabriken, arbeiten auf Baustellen und als Hilfskräfte in Büros. Die Oberklasserestaurants, in denen nicht selten während des ganzen Mahls eine Kellnerin neben jedem Tisch steht, können ihren verschwenderischen Luxus nur deshalb zu erschwinglichen Preisen anbieten, weil die jungen Landmädchen für einen Hungerlohn arbeiten und nach Feierabend unter den Tischen übernachten.

Das chinesische Wirtschaftswunder basiert auf der Ausbeutung der Landbevölkerung. Es gibt kleine Verbesserungen. Die Gewerkschaften öffnen sich langsam auch für die Gastarbeiter aus den Armutsprovinzen. Ihre Kinder dürfen inzwischen in den Städten zur Schule gehen. Erstmals nahmen im März drei Wanderarbeiter an der Sitzung des Nationalen Volkskongresses in Peking teil. Symbolik - aber immerhin. "In den letzten vier Jahren sind sogar die Gehälter der Wanderarbeiter um zwanzig Prozent gestiegen", sagt Liu Kaiming, Chef der Nichtregierungsorganisation Institute of Contemporary Observation. Doch die schnell steigende Inflation hat die Einkommensverbesserungen fast vollständig aufgezehrt. Und die Verbesserungen kommen daher, dass Arbeitskräfte in China inzwischen knapp sind und die Firmen sich um ihre Mitarbeiter bemühen müssen. "Es ist ein Anfang", sagt Liu. Doch es wird noch lange dauern, bis Chinas Arbeiter wie normale Bürger behandelt werden. Zhu wäre gerne dabei, wenn die besten Tischtennisspieler der Welt in "seiner Halle" gegeneinander antreten. Doch jetzt, wo die Baugerüste abgebaut sind, will Peking die Wanderarbeiter wieder loswerden. Für die Dauer der Spiele müssen sie die Hauptstadt verlassen.

Janis Vougioukas, freier Journalist in Shanghai

nsn