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Kommentiert: Ausbeutung unter blutroten Fahnen
Würde Marx heute über China schreiben, würde er vermutlich von "ursprünglicher Akkumulation" sprechen. Seit Deng Hsiao Ping vor rund 30 Jahren unter der Devise "Bereichert Euch!" die kapitalistische Wende Chinas eingeleitet hat, laufen dort ähnliche Vorgänge ab wie in England am Ende des 18. Jahrhunderts. 80 Millionen Menschen - nur gut sechs Prozent der Bevölkerung - besitzen mittlerweile fast alle Reichtümer des Landes. Im Gegenzug verarmte die Landbevölkerung in den letzten Jahren rapide.
Viele Landbewohner können dem Verhungern nur dadurch entkommen, dass sie sich in den Städten als Wanderarbeiter durchschlagen. In China ist der innerstaatliche Umzug aber beschränkt, so dass die ganz offizielle Tätigkeit vieler Wanderarbeiter und -arbeiterinnen in den Städten zugleich offiziell illegal ist. So bleiben sie jederzeit der Willkür von Firmen und Behörden ausgeliefert. Extreme Ausbeutung, schwere Arbeitsunfälle und völlige Rechtlosigkeit sind die Regel. Auf den Olympiabaustellen kamen viele Wanderarbeiter um oder wurden dauerhaft ohne Chance auf Rente verstümmelt. Wer nicht pariert oder zwischen zwei Elendsjobs auf der Strasse leben muss, landet schnell im Zwangsarbeitslager und muss dort als Sklavin oder Sklave für den Weltmarkt produzieren - wie im alten England. Konnte aber ein englischer Arbeiter wenigstens noch vom Sozialismus als Gegenentwurf zum Manchesterkapitalismus träumen, segelt die chinesische Ausbeuterklasse unter blutroten Fahnen.
Wir stützen diese Zustände, wenn wir viel zu billig einkaufen und immer gleich erschrecken, wenn die chinesische Oberschicht uns Vorschriften machen will, wie China zu beurteilen ist. Aus ihren Reihen kommen diejenigen, die unsere Kritik verteufeln. Man komme mir nicht mit "Fortschritten". Sie sind minimal. Dem Gros der Bevölkerung geht es in jeder Hinsicht schlechter als vor zwanzig Jahren. Neue Luxushospitäler in Beijing und Shanghai - dafür keine Pillen mehr in der Provinz, das ist real. Freiere Information und mehr Rechte gibt es natürlich auch: Aber exklusiv für Nutznießer und Träger des Systems.
Frank Schmidt-Hullmann, Internationaler Sekretär
der IG Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU)
