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Aus der Arbeitswelt: Das Mindeste für die Schwächsten
Die Mindestlohnpolitik in Brasilien hat die Armut zurück gedrängt. Steigende Lebensmittelpreise stellen diesen Erfolg der Regierung jetzt in Frage. Aus allen Teilen des südbrasilianischen Bundesstaats Rio Grande do Sul sind Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter zum Regionaltreffen des Gewerkschaftsdachverbandes CUT nach Porto Alegre geströmt. Eine der Delegierten ist Silvia Belloso. Die zierliche 31-Jährige arbeitet seit 1992 in einer Schuhfabrik im Hinterland. Sie gehört zu den wenigen CUT-Mitgliedern, die mit dem regionalen Mindestlohn von derzeit 470 Reais (183 Euro) auskommen müssen. Gerade deswegen hat sie mehr als andere von der Politik des Präsidenten und Ex-Metallgewerkschafters Luiz Inácio Lula da Silva profitiert, der sich die Verringerung der absoluten Armut auf die Fahnen geschrieben hat.
Das wohl effektivste Instrument dafür war die überdurchschnittliche Erhöhung des Mindestlohns - 20 Millionen Brasilianer sind laut einer Studie vom Dezember 2007 in den letzten Jahren in die untere Mittelschicht aufgestiegen. Die Gewerkschaften haben dazu erheblich beigetragen. Bis 2006 stand die Forderung nach höheren Mindestlöhnen ganz oben auf ihrer Agenda. Mit Erfolg: Nach Berechnungen des Gewerkschaftsinstituts DIEESE bekommen 17 Millionen Mindestlohn-Empfänger heute real 37 Prozent mehr als 2002, als Lula seine erste Wahl gewann.
Doch bis zu einem würdigen Mindestlohn ist es noch weit: Der müsste laut DIEESE bei gut 1.900 Reais liegen. "Zum ersten Mal setzt sich der Staat für die Schwächsten ein", sagt der CUT-Landesvorsitzende Celso Woyciechowski stolz: "Mit dem zusätzlichen Geld wurden die regionalen Wirtschaftskreisläufe angekurbelt. Und es gab Umverteilungseffekte". "Vor fünf Jahren habe ich gerade 280 Reais bekommen", erinnert sich Silvia Belloso, die eine zwölfjährige Tochter hat. "Über die Runden kamen wir damals nur, weil mein Mann viel besser verdient hat". Doch in den letzten Monaten machen der Schuhmacherin die steigenden Lebensmittelpreise zu schaffen. "Die Preise für Reis, Bohnen oder Speiseöl sind regelrecht explodiert", berichtet sie, "mit dem Sparen ist es jetzt wieder vorbei".
Die bescheidene Umverteilung in der Ära Lula habe vor allem innerhalb der Lohnabhängigen stattgefunden, räumt Woyciechowski ein. "Auch die Prekarisierung hat zugenommen: Letztes Jahr wurden 14,3 Millionen Leute neu angestellt, doch 12,7 Millionen verloren ihren Job. Warum? Viele steigen wieder in einer niedrigeren Lohngruppe ein, es gibt kaum noch sichere Arbeitsplätze".
Nun setzt die CUT große Hoffnung in einen Gesetzesentwurf der Regierung, durch den diese Abwärtsspirale zumindest gebremst werden soll. Schwerpunkt der diesjährigen Kundgebungen zum 1. Mai war die Forderung nach einer 40-Stunden-Woche mit Lohnausgleich, die zwei Millionen zusätzliche Arbeitsplätze bringen könnte - bislang ist in Brasilien die 44-Stunden-Woche die Regel. Zu einer breiten Mobilisierung ist es bis jetzt noch nicht gekommen. Die Kollegen aus den höheren Lohngruppen sind unzufrieden. "In den letzten Jahren haben die Erhöhungen gerade die Inflation ausgeglichen", sagt die Bankangestellte Carmem Guedes (48). Nach 29 Jahren in der Branche verdient sie 1500 Reais netto (585 Euro), hinzu kommt eine kleine Gewinnbeteiligung. Noch schwieriger ist die Lage für die Metallerin Shirley Aparecida Cruz. Die 33-Jährige montiert Elektroteile für Nutzfahrzeuge und verdient gerade 690 Reais. "Leider sind unsere Tarifabschlüsse unabhängig vom Mindestlohn", berichtet sie. "Wenn das so weiter geht, liegt unser Basislohn bald darunter. Meine Kollegen sind ziemlich frustriert".
Gerhard Dilger, freier Journalist in Porto Alegre
Weitere Informationen:
http://brasilienportal.brasilienpodcasts.de/2008/05/05
