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ThyssenKrupp in Rio: Bauen mit Chinesen

Vor einem Jahr schrillten in der Zentrale von Brasiliens Metallgewerkschaft CNM/CUT die Alarmglocken. ThyssenKrupp hatte den chinesischen Staatskonzern Citic mit dem Bau einer Kokerei für sein neues Stahlwerk im Bundesstaat Rio de Janeiro beauftragt. Der Pferdefuß dabei: Die Chinesen wollten dafür 600 ihrer Landsleute verpflichten. Eduardo Vieira vom regionalen Unternehmerverband Firjan zeigte Verständnis: "Wir müssen realistisch bleiben. Durch diese Maßnahme sinken die Lohnkosten auf die Hälfte".

Kein verheißungsvoller Start für das "Jahrhundertprojekt" (ThyssenKrupp) an der Bucht von Sepetiba, wo ab 2009 fünf Millionen Tonnen Rohstahl im Jahr produziert werden sollen - jedenfalls für die brasilianischen Gewerkschafter.  Sofort beschwerten sie sich bei der Regierung und aktivierten ihre internationalen Verbindungen. CNM-Generalsekretär Valter Sanches gewann den Rückhalt seiner IG-Metall-Kollegen. Mittlerweile gibt er Entwarnung: Citic habe bislang gerade 48 Visa für chinesische Fachkräfte erhalten. Einige würden wohl noch hinzukommen, "doch das Arbeitsministerium legt die Visabestimmungen streng aus". Thyssens Drei-Milliarden-Euro-Investition begrüßt der Gewerkschafter: "Während der Bauphase werden bis zu 18.000 Jobs geschaffen, und danach bleiben immer noch 3.500 direkte Arbeitsplätze und 3.000 bei Zulieferern."

Ein ebenso großes Stahlwerk soll bis 2011 im benachbarten Bundesstaat Espírito Santo entstehen. Der brasilianische Bergbaukonzern Companhia Vale do Rio Doce, der am Thyssen-Projekt mit zehn Prozent beteiligt ist, hat sich hierfür mit dem chinesischen Stahlmulti Baosteel zusammengetan. Der strebt Mehrheitsbeteiligung an. Dieses Joint Venture, bei dem die Chinesen federführend werden dürften, beobachtet Sanches mit gemischten Gefühlen: "Man kann ja nun wirklich nicht behaupten, dass es in China eine lebendige Gewerkschaftskultur gibt". "Es greift viel zu kurz, die chinesische Herausforderung auf Fragen des Lohndumpings zu reduzieren", findet Alexandre de Freitas Barbosa. Für das CUT-Forschungsinstitut Observatório Social untersucht der Ökonom die wachsende Rolle Chinas in und für Lateinamerika. "Die Chinesen werden aus vielen Gründen immer wettbewerbsfähiger," hat er festgestellt, etwa wegen ihres riesigen Binnenmarkts und großen Produktionseinheiten, Steueranreizen, einer unterbewerteten Währung oder günstigen Krediten.

"Auf Lateinamerika hat das ganz unterschiedliche Auswirkungen, in jedem Land sieht das anders aus", sagt Barbosa. Doch wegen des derzeitigen Rohstoffbooms würden volkswirtschaftliche Risiken oft unterschätzt, etwa das einer "regressiven Spezialisierung" vieler Länder auf den Export von Agrarprodukten oder kaum veredelten Mineralien. "Es ist das neokoloniale Muster von Zentrum und Peripherie", meint João Pedro Stedile von der Landlosenbewegung MST. In Brasilien investieren die Chinesen nicht nur in Schwerindustrie und Bergbau, sondern auch in die Holzwirtschaft, den Maschinenbau, den Strom- oder Telekommunikationssektor. "Für den Arbeitsmarkt hat das aber noch keine größeren Folgen", sagt Alexandre de Freitas Barbosa. Seine Hauptsorge liegt woanders: "Wenn Brasilien durch die chinesische Konkurrenz geschwächt wird, könnte eine echte lateinamerikanische Integration unmöglich werden". Doch für ihre Schwierigkeiten sollten die Latinos nicht China verantwortlich machen oder deswegen gar auf eigene Entwicklungsstrategien verzichten, meint der Forscher: "Wir müssen uns schleunigst über die Rolle des Staates in der Industrie- und Sozialpolitik klar werden."

Gerhard Dilger

Link zu einer Studie des Konzerns:
www.lateinamerikaverein.de/_uploads/documents/1945_ThyssenKrupp-H%F6ffke...