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Aus den Projekten: Verhandeln ist Neuland

Um ihre Interessen richtig vertreten zu können, müssen sich Gewerkschafter aus Vietnam mit kollektiven Abkommen auseinandersetzen, mit der Schlichtung von Streit, aber auch mit Mitarbeiterführung und dem Entwurf eines neuen Arbeitsgesetzes, nach dem Arbeitnehmer jetzt betriebliche Delegierte für die Auseinandersetzung mit den Arbeitgebern wählen dürfen. Dabei hilft ihnen das Bildungswerk des DGB. Es unterstützt entsprechende Seminare in Zusammenarbeit mit dem Allgemeinen Bund der Werktätigen und beteiligt sich auch an der Entwicklung von Lehrmaterialien und didaktischen Methoden. In Vietnam arbeitet das Bildungswerk des DGB zum ersten Mal in einem Land, das grundlegende Konventionen der Internationalen Arbeitsorganisation noch nicht unterzeichnet hat - die über Vereinigungsfreiheit zum Beispiel, oder die über das Recht auf kollektive Verhandlungen.

Neuland ist das auch für die Kollegen in Vietnam. Vietnams Arbeitnehmer haben sich noch kaum an die Bedingungen der Marktwirtschaft gewöhnt. Noch gibt es etwa 3000 Staatsbetriebe, deren Umwandlung in Aktiengesellschaften die Regierung vor kurzem verordnet hat; noch sind 65 Prozent der Bevölkerung in der Landwirtschaft beschäftigt. Einige Industriezweige jedoch, deren Produkte auf dem Weltmarkt reißenden Absatz finden, verzeichnen Zuwachsraten von bis zu 20 Prozent. Dazu gehört die Textilindustrie im Süden des Landes, die mit insgesamt zwei Millionen Beschäftigten vor allem Aufträge für ausländische Unternehmen übernimmt. Auch in der Schuhproduktion arbeitet eine halbe Million Menschen für multinationale Konzerne, 80 Prozent davon Frauen. In solchen Betrieben gab es in den vergangenen beiden Jahren in Vietnam jede Menge wilde Streiks - um Löhne, um bessere Arbeitsbedingungen und Arbeitsschutz.

Sie sind noch gefangen im Widerspruch zwischen Staatsloyalität und Interessenvertretung. Manche bekommen von ihren Arbeitgebern nicht einmal die Erlaubnis zur Teilnahme den Seminaren. "Das neue Arbeitsgesetz habe ich hier zum ersten Mal gesehen", berichtet ein Teilnehmer nach einem Lehrgang. Für die Verhandlung mit ihren Chefs oder die Organisierung ordentlicher Streiks fühlen sie sich danach besser ausgerüstet. Moderne didaktische Methoden stoßen jedoch bei manchen an Grenzen: Sie sind es gewohnt, dass der Lehrer sagt, was richtig und falsch ist - und wollen das auch als Lehrende tun, wie sich zu Jahresbeginn bei einem Seminar mit gewerkschaftlichen Multiplikatoren in Hamburg herausstellte.

Für das Jahr 2008 hat der vietnamesische Gewerkschaftsbund mit dem Bildungswerk die Beschäftigung mit der sozialen Verantwortung von Unternehmen auf die Tagesordnung gesetzt und will prüfen, wo es Verhaltenskodices oder andere Vereinbarungen gibt - Neuland auch das.