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Aus der Arbeitswelt: Weltweite Streiks
Seeleute haben lange und bittere Erfahrungen mit der Machtlosigkeit nationaler Gewerkschaften, wenn sie gegeneinander ausgespielt werden.Sie haben deshalb als erste die Zuständigkeit für Tarifverhandlungen an ihren weltweiten Gewerkschaftsverband abgegeben – die Internationale Transportarbeiterförderation ITF.
Im Hafen von Singapur tätig, doch in der Welt zu Hause ist Mohamed Idris, ein Singapurer indischer Abstammung. Er ist 20 Jahre zur See gefahren, „mit Leidenschaft für Lateinamerika“, wie er sagt, und kommt auch jetzt viel rum. Für die ITF reist er zu Kongressen nach Oslo, Moskau, Taipeh und klar: Hamburg und Bremen kennt er sowieso. Mohamed Idris lacht, während er seinen klimatisierten Dienstwagen Richtung Hafen steuert: „Seefahrer wollte ich wegen meiner Kinder nicht mehr sein, aber die Welt will ich immer noch sehen.“
Der 56-Jährige ist als ITF-Beschäftigter Teil eines globalen Netzwerkes. Die ITF ist der einzige, tatsächlich weltweit operierende Gewerkschaftsverband. 1896 gegründet, mit Sitz in London, zählt sie heute 4,5 Millionen Mitglieder in über 600 Gewerkschaften und 140 Ländern. Die ITF repräsentiert den Verkehrssektor, dürfte aber in der Schifffahrt am schlagkräftigsten sein. „Wenn uns beispielsweise das ITF-Büro in Osaka eine Meldung schickt, dass eine Besatzung mit Zielhafen Singapur Probleme mit der Heuer hat, dann kümmern wir uns darum.“ Das kann so weit gehen, dass Idris – vorausgesetzt die Besatzung entscheidet sich einstimmig dafür – mit einem Staatsanwalt an Bord geht und das Schiff festsetzt. „Es kommt manchmal sogar vor, dass der Staatsanwalt ein Schiff versteigert, damit die Seeleute ihre Heuer ausgezahlt bekommen“, sagt Idris. Sein Kollege Ulf Christiansen hat in Hamburg 1999 für die polnisch-philippinische Besatzung der „Verona“ die gesamte ausstehende Heuer durch die Versteigerung des Küstenmotorschiffes erkämpft.
Die ITF organisiert weltweit angelegte Streikaktionen, um Reeder zu zwingen, wenigstens den Tarif von 1550 US-Dollar pro Monat für einen einfachen Seemann zu zahlen. Das bekam ausgerechnet der Vorsitzende des Verbandes deutscher Reeder zu spüren: Bis vor zwei Jahren zahlte Frank Leonhardt auf keinem seiner mehr als 40 Schiffe ITF-Tarif. Mit weltweit koordinierten Streiks in Japan, Taiwan und Hamburg hat das die ITF inzwischen immerhin auf gut 20 seiner Schiffe durchgesetzt.
In Zukunft wird die ITF noch schlagkräftiger sein. Regierungsvertreter, Gewerkschaften und Reederverbände aus mehr als hundert Ländern haben eine neue Konvention der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) für die Seeschifffahrt erarbeitet. Ist diese Konvention von genügend Ländern ratifiziert, werden erstmals in einer Branche weltweit die gleichen Arbeitsstandards gelten – u. a. in den Bereichen Gesundheitsversorgung, Arbeitszeit und Ausbildungskriterien. „Dann sind wir unserem Ziel einer menschenwürdigen Arbeit auf See ein erhebliches Stück näher gekommen“, sagt Ulf Christiansen, Idris‘ Kollege auf der anderen Seite des Globus (siehe auch Porträt „Ulf Christiansen – Mit Bedacht“).
Jörn Breiholz
Wortlaut des Seearbeitsübereinkommens der ILO 2006:
www.ilo.org/ilolex/german/docs/convdisp1.htm
