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Aus der Arbeitswelt: Krieg um Zellulose
Eine 1,2 Milliarden-Investition des finnischen Multi „Botnia“ am Grenzfluss zwischen Uruguay und Argentinien hat die Gemüter auf beiden Seiten erhitzt. Während Uruguay die Arbeitsplätze will, fürchten Argentinier die Umweltverschmutzung. Gewerkschafter warnen vor der Abhängigkeit durch Plantagenwirtschaft.
„Botnia raus!“ skandieren mehr als hunderttausend Demonstranten aus Argentinien. Sie marschieren zum Rio Uruguay, dem Grenzfluss zwischen den Nachbarnländern, um ihn symbolisch „in die Arme zu nehmen“. Auf Uruguays Seite recken sich riesige Bauten und Schornsteine in die Höhe. Mehrere tausend Fach- und Hilfsarbeiter montieren dort eine gigantische Zellulose-Fabrik für den finnischen Multi „Botnia“.
Argentiniens Regierung hat der Zellulose-Produktion den Krieg angesagt. Sie beschuldigt Uruguay, den bilateralen Vertrag des Uruguay-Flusses, der Konsultationen vorsieht, verletzt zu haben, und verlangt die Verlegung der Fabrik. Argentinien klagt vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag. Der kleine Nachbar hält dagegen, dass die Mega-Investition, die jährlich eine Million Tonnen gebleichten Eukalyptus-Zellstoff produzieren wird, Fluss und Wasser nicht verschmutzen werde.
Die am argentinischen Ufer lebenden Einwohner der Stadt Gualeguaychu wollen das nicht gelten lassen. Wenn der Zellulose-Gigant erst einmal zu produzieren beginne, würden üble Gerüche und Gifte wie Dioxin „unsere Touristen vertreiben“ und die Landwirtschaft verseuchen. „Ich möchte nicht, dass meine Kinder an Leukämie sterben“, bedeutet ein Demonstrant.
Uruguays Präsident Tabaré Vazquez hatte einst vor der Politik der Industrieländer gewarnt, die ihre Umwelt verschmutzenden Betriebe in den Süden verlegen, um die eigene Umwelt zu schonen. Das war vor seiner Wahl im Oktober 2004. Heute verteidigt er die größte Investition in der Geschichte des kleinen Landes – weil sie Arbeitsplätze schafft. Weitere Zellulose-Werke sind angekündigt. Der Bedarf an hölzernem Rohstoff wird wachsen.
Wer ins Landesinnere fährt, stößt in Uruguay immer wieder auf dunkle Mauern inmitten des Weidelandes: Eukalyptus-Plantagen. Vögel singen nicht mehr in den wie Zinnsoldaten ausgerichteten Bäumen, doch dazwischen liegen versteckt prekäre Hütten, aus Zweigen und Plastikplanen gefertigt. Über offenem Feuer wird das Essen zubereitet. Sanitäre Anlagen gibt es nicht. Auf diesen Plantagen sind die Arbeiter zu Hause. Ganze Familien hausen dort über Monate hinweg.
Die Eukalyptus-Geschichte begann 1987 mit dem Forstgesetz, gefördert von der Weltbank. Bis heute sind fast eine Million Hektar des Landesinneren steuerbegünstigt mit Eukalyptus-Monokulturen überzogen – auch auf Böden, die für Vieh- und Landwirtschaft geeignet sind. Die Plantagenbäume wachsen schnell und verbrauchen kostbares Trinkwasser. Der Einsatz von Pestiziden droht das Grundwasser und den „Aquifer Guarani“, das drittgrößte unterirdische Wasserreservoir der Welt, zu verseuchen.
Aber Job-Argumente erschlagen derzeit Umweltbedenken. Dabei steht fest: auf tausend Hektar Baumplantagen entfallen nur 4,4 Arbeitsplätze, nicht selten unter sklavenähnlichen Verhältnissen. In der traditionellen Land- und Viehwirtschaft sind es dagegen 5,8 Arbeitsplätze. Auch das Jobwunder „Botnia“ ist nur von kurzer Dauer. Auf dem Höhepunkt waren es 5000 Jobs, nach der Inbetriebnahme werden es nur 300 sein.
Uruguays Gewerkschaften sind skeptisch. Sie lehnen „Botnia“ zwar nicht ab, fordern aber die „undifferenzierte Aufforstung“ zu überdenken. Am vergangenen Tag der Arbeit warnte der Gewerkschaftsbund vor einer „Vertiefung der Abhängigkeit“ auf der Basis von Exporten, „die stark von Rohstoffen abhängen“. Während zwischen den Präsidenten beider Länder Funkstille herrscht, haben die Gewerkschaftszentralen, Uruguays PIT-CNT und Argentiniens CTA, einen Dialog begonnen. Sie haben sich „eine Umweltpolitik aus der Sicht der Arbeiter“ zum Ziel gesetzt und wollen die Produktionsweise, die die Multis „aufzudrängen versuchen“ zum Thema machen. Auch bei Soja, Mais und Zuckerrohr breiten sich Monokulturen aus.
Im Herbst will „Botnia“ den ersten Zellstoff nach Europa und China verschiffen. Gegenwehr aus Gualeguaychu ist angekündigt: „Wir werden den Betrieb von ‚Botnia’ so lange stören, bis sie abhauen!“
Karl-Ludolf Hübener
Link zur Studie ‚Greenwash‘ des World Rainforest Movement von 2006:
www.wrm.org.uy/countries/Uruguay/text.pdf
