Aus der Arbeitswelt: Teure Solidarität

Ein Bierboykott gegen „Windhoek Lager“ wäre ein echter Verzicht für Verbraucher in Namibia.  Es könnte aber dazu kommen, wenn sich die Brauerei nicht endlich zu einer angemessenen Entschädigung für längst entlassene Brauereiarbeiter durchringt.

teure_solidaritaet.jpg17 Jahre nach der Unabhängigkeit wird Namibia’s Brauerei von der eigenen Kolonialgeschichte eingeholt. Die Firma wird von einer Gruppe ehemaliger Arbeiter beschuldigt, sie 1989 unfair behandelt und entlassen zu haben. Zuletzt kampierten die Ex-Brauereiarbeiter vor den Firmenbüros in Windhoek, um Entschädigung für das Unrecht und die Jahre der Arbeitslosigkeit durchzusetzen. Erst im Jahr 2007 begann die Brauerei ernsthaft zu verhandeln.

Im Hintergrund dieses Konflikts stand die politische Aufbruchstimmung im Jahr vor der Unabhängigkeit 1989. Die Arbeiter waren damals unzufrieden mit niedrigen Lohnerhöhungen und schickten, inspiriert vom Erfolg der Befreiungsbewegung, einen Brief an die Geschäftsleitung. Einem der führenden gewerkschaftlichen Vertrauensleute wurde kurz danach ein Disziplinarverfahren angehängt, und er wurde entlassen. Seine Kollegen sahen darin einen Angriff auf ihre Rechte; mehr als 300 legten in Solidarität die Arbeit nieder.

Die Betriebsleitung drohte mit Entlassung, falls sie nicht am nächsten Tag zur Arbeit zurückkehrten. Getreu dem Gewerkschaftsmotto „ein Unrecht an einem ist ein Unrecht an allen“ wollten die Kollegen aber nur dann zurückkehren, wenn auch ihr unrechtmäßig entlassener Vertrauensmann wieder ein-gestellt würde. Es kostete viele den Job. Am 5. September 1989 versammelten sich etwa 50 Arbeiter vor der Fabrik, um ihren letzten Lohn abzuholen.  Einer der Lastwagenfahrer, Alex Kondombolo, erinnert sich: „Ich kam an diesem Tag von einer langen Fahrt nach Südafrika zurück. Ich parkte meinen Laster auf dem Betriebsgelände und fragte meine Kollegen, warum sie draußen vor dem Tor standen.  Während ich mit ihnen sprach, schloss der Betrieb die Tore, und plötzlich tauchte die Polizei auf. Sie forderte uns auf, das Gelände zu verlassen und fing dann plötzlich an, uns mit Tränengas zu beschießen und mit Knüppeln zu verprügeln. Einige wurden verhaftet und in Polizeizellen geworfen. 

Ich trage heute noch die Narben der Verletzungen von diesem Tag“. Das gewaltsame Vorgehen der Polizei in Kooperation mit der Brauerei löste einen landesweiten Protest aus. Die kleinen Bars in den schwarzen Wohngebieten schlossen sich einem Solidaritätsboykott mit den entlassenen Arbeitern an. Kaum jemand kaufte mehr das sonst beliebte „Windhoek Lager“ Bier.  Nach wenigen Wochen spürte der Betrieb den steilen Umsatzabsturz.  Anstatt mit Gewerkschaft und Barbetreibern zu verhandeln, brachte die 1920 von deutschen Einwanderern gegründete Brauerei den Fall jedoch vor Gericht. Sie verklagte die Gewerkschaft der Nahrungsmittelarbeiter und erreichte eine Aussetzung des Bierboykotts. Noch galten die alten Gesetze. Viele weiße Geschäftsleute fürchteten damals den Verlust ihrer Privilegien aus kolonialer Zeit.

Selbst ein Treffen zwischen dem Präsidenten der Befreiungsbewegung Sam Nujoma und dem Inhaber der Brauerei Werner List half nicht weiter. Zwar versprach List die Wiedereinstellung der Arbeiter und Nujoma die Berücksichtigung von Arbeitgeberinteressen durch die neue Regierung, die 1990 ihr Amt antrat. Doch Werner List hielt sein Wort nicht. Er schenkte dem neuen Staatspräsidenten und seiner Regierung sechs Farmen. Für die entlassenen Arbeiter tat er nichts. Nur wenige fanden eine neue Stelle. Ohne Einkommen und ohne Arbeitslosenversicherung rutschten die meisten immer tiefer in die Armut.

Erneute Hilferufe an die alte Gewerkschaft und die nun regierende Partei SWAPO fruchteten nicht. Ende 2006 begannen die Entlassenen vor den Betriebsbüros zu kampieren. Sie wollen eine Entschädigung von 21 000 Euro für jeden durchsetzen. Für eine neue Beschäftigung sind die meisten inzwischen zu alt. 

Ihre Belagerung hatte Erfolg: 2007 wurde eine unabhängige Untersuchungskommission berufen, die die Rechtmäßigkeit der  Entschädigungsforderung prüfte. Sie legte ihren Bericht im März vor. Jetzt endlich hat die Firma angefangen, mit den Arbeitern zu reden.

Herbert Jauch

Der Autor leitete das Labour Resource and Research Institute in Windhoek, Namibia, von 1998 bis 2007.

Weitere Informationen über Arbeitsbeziehungen in Namibia: www.larri.com.na

nsn