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Aus der Arbeitswelt: Schneiden bis ins eigene Fleisch
Europa setzt auf Biokraftstoffe als Alternative zum Öl. Unter Zuckerbaronen und Investoren in Brasilien hat der Ethanolboom Goldgräberstimmung ausgelöst. Arbeiter jedoch zahlen für die neue Energie zuweilen mit ihrem Leben.
Auf sanften Hügeln wogen sattgrüne Zuckerrohrfelder, so weit das Auge reicht. Dunkelrot leuchtet immer wieder die fruchtbare Erde hervor, bräunlich liegen die abgeernteten Felder da. Das tropisch warme Landesinnere des Bundesstaates São Paulo ist die Zuckerhochburg Brasiliens, 60 Prozent aller Anbauflächen liegen hier.
Schon jetzt ist Zuckerrohr nach Soja das zweitwichtigste Agrarprodukt des südamerikanischen Riesenlandes und ein bedeutsamer Devisenbringer. Ein Drittel der weltweiten Ethanolproduktion stammt aus brasilianischem Zuckerrohr. Dass der Klimawandel auf der Tagesordnung der Weltpolitik steht, ist Wasser auf die Mühlen des Agrobusiness: In sieben Jahren sollen in Brasilien 35 Milliarden Liter Biosprit jährlich produziert werden, doppelt so viel wie heute. Jeden Monat entsteht eine neue Ethanolfabrik. Doch zu welchem Preis?
Guariba, eine Kleinstadt fünf Autostunden nordwestlich von São Paulo: Um fünf Uhr morgens, es ist noch dunkel, steigt der schmächtige Zuckerrohrarbeiter Francisco Cardoso in den Bus, der ihn nach einer langen Fahrt zu einem der umliegenden Felder bringt. Bis drei Uhr dauert die Akkordarbeit. Der 31-Jährige, der seit sechs Jahren in Guariba arbeitet, klagt über Rückenschmerzen. „Ich habe einmal miterlebt, wie mein Schwager erschöpft zusammengebrochen ist“, berichtet er. „Er wäre fast umgekommen.“
300.000 Männer und Frauen schuften auf den Feldern São Paulos; über zwei Drittel von ihnen sind Wanderarbeiter aus dem brasilianischen Nordosten, wo die Armut besonders groß ist. Acht Monate pro Jahr schneidet Francisco Zuckerrohr und verdient damit monatlich umgerechnet 250, manchmal auch 300 Euro – je nach geernteter Menge.
„Heute ernten die Zuckerrohrschneider im Schnitt zwölf Tonnen Zuckerrohr am Tag, doppelt so viel wie vor 20 Jahren,“ sagt der Ökonom Francisco Alves. „Bei der Arbeit unter brennender Sonne führen sie um die zehntausend Machetenhiebe aus und verlieren bis zu acht Liter Wasser am Tag.“ Seit 2004 sind in São Paulo offiziell 19 Zuckerrohrschneider an Herzinfarkt gestorben. Die Dunkelziffer liegt weitaus höher. Kein Gericht stellt fest, was für Alves auf der Hand liegt: dass diese Todesfälle mit „systematischer Überanstrengung“ zusammenhängen. Wer überlebt, ist nach zwölf Jahren ausgebrannt, so eine neue Studie.
Es gibt auch Fortschritte: Die Kinderarbeit ist mittlerweile abgeschafft, die meisten Arbeiter bekommen bescheidene Sozialleistungen. Zwei Prozent ihres Lohns fließt automatisch an die örtliche Gewerkschaft. Doch die hat sich in den bestehenden Machtverhältnissen gut eingerichtet. „Feste Gehälter kann man nicht über Nacht einführen“, meint Gewerkschaftssprecher Wilson Rodrigues, „unsere Leute befürchten, dass sie dann weniger verdienen“.
Francisco Alves will das Akkordsystem abschaffen. Oder noch radikaler: „Die allerbeste Lösung wäre eine vollständige Mechanisierung der Ernte und dazu eine Landreform, damit menschenwürdige Arbeitsplätze geschaffen werden.“
Gerhard Dilger
Der Autor ist freier Journalist in Porto Allegre, Brasilien
Weitere Informationen: www.americas.irc-online.org/pdf/papers/0703ethanol.pdf
