Aus der Arbeitswelt: Aufgehängt an Nadel und Faden
Indiens wirtschaftlicher Boom hängt an der Produktion für den globalen Markt. In der Bekleidungsindustrie geht man dabei schon mal über Leichen, um das Tempo zu halten. Die 27 Jahre alte Textilarbeiterin Ratnamma musste ihr Baby auf den Straßen von Bangalore zur Welt bringen. Ihr Arbeitgeber hatte darauf bestanden, dass sie erstmal einen Urlaubsantrag ausfüllt, obwohl sie schon heftige Wehen hatte. Keine Kollegin durfte sie zum Krankenhaus begleiten, denn das hätte die Produktion beeinträchtigt. Ratnamma gebar das Kind gleich vor der Fabrik. Es hat nicht überlebt.
Eine andere Textilarbeiterin, die 20jährige Gayathri, wurde vor ihrem Werk von einem Firmenbus überfahren. Zwei weitere wurden verletzt. Die meisten Kollegen waren schockiert von dem Unfall, doch was sie wirklich aufbrachte, war die Aufforderung der Vorgesetzten, sich zu beeilen, damit die Produktion nicht leide.
Die indische Textilindustrie ist nach der Landwirtschaft die zweitgrößte Arbeitgeberin im Land. Nach Statistiken des Verbands indischer Industrie- und Handelskammern beschäftigt sie 35 Millionen Menschen. Sie trägt 17 Prozent zu den Exporten des Landes bei. Die geschätzte Wachstumsrate beträgt 16 Prozent im Jahr.
In Bangalore, besser bekannt als Zentrum der Informationstechnologie, stehen mehr als tausend Fabriken für Konfektionskleidung. Sie geben fast einer halben Million Menschen Arbeit. Nach Angaben der Textilarbeitergewerkschaft GATWU sind 85 Prozent der Beschäftigten Frauen vom Land, auch aus entfernten Gegenden und anderen Bundesstaaten.
Das Arbeitsministerium hat einen Mindestlohn von 88,75 Rupien (etwa 1,75 Euro) festgelegt, aber in vielen Fällen wird der nicht gezahlt. Nach dem Gesetz darf die Mindestarbeitszeit auch nicht länger als acht Stunden sein. Doch die Textilarbeiterinnen arbeiten bis zu zwölf Stunden ohne Überstundenbezahlung. „Alle Arbeitsgesetze werden ganz offen missachtet“, sagt der Vizepräsident der Textilarbeitergewerkschaft, K. R. Jayaram. „Außer der niedrigen Entlohnung und der langen und anstrengenden Arbeitszeit sind Frauen auch noch sexueller Belästigung ausgesetzt. Die Männer werden geschlagen, um das Produktionstempo aufrechtzuerhalten.“
Als GATWU den Fall von Ratnamma aufnahm, klingelte bei der Firma die Alarmglocke. Der internationale Konzern GAP in San Francisco, für den die Firma Kleidung herstellte, würde für solche Gesetzesbrüche kein Verständnis aufbringen. Schließlich entschloss sich Shalini Creations, Ratnamma mit 150 000 Rupien (etwa 3000 Euro) zu entschädigen.
Am 13. Februar wurde die Leiche der Textilarbeiterin Ammu auf dem Fabrikgelände einer Firma der Gakhaldas Ex-portgruppe entdeckt. Ammu war 25 Jahre alt. Ihre Kolleginnen sagten aus, Ammu sei öffentlich von ihren Vorgesetzten gedemütigt worden. Das könne zu ihrem Selbstmord geführt haben. Eine Untersuchungskommission stellte fest, dass die Aussagen von Ammus Familie nicht mit denen der Polizei übereinstimmten. Auch hier wurde eine Entschädigung von 100 000 Rupien (etwa 2000 Euro) an die Familie gezahlt und die Verantwortung von der Firma zurückgewiesen.
Das Fehlen von organisierter Aktion ist für das Wohl der Beschäftigten in der Bekleidungsindustrie ein Hemmschuh. Jeder Versuch zur Gründung einer Gewerkschaft trifft auf hartnäckigen Widerstand von Unternehmerseite und endet mit Entlassung. „Die Firmen denken, wir seien dazu da, unmäßige Löhne zu fordern“, sagt Jayaram, „und die schlecht informierten Beschäftigten lässt man glauben, Gewerkschaften bedeuteten Jobverlust.“ Da sich die Gewerkschaft ihrer Sache annimmt, werden sich die Frauen in der Textilindustrie jedoch langsam ihrer Möglichkeiten bewusst. Erste Priorität, findet die Textilarbeitergewerkschaft, ist die Herstellung einer sicheren und friedlichen Umgebung für die Arbeiterinnen, nicht die Forderung von Lohnerhöhungen. Das sehen die Kolleginnen ebenso.
Padmalatha Ravi
Die Autorin ist freie Journalistin in Kochi, Indien. Ihr Beitrag, gekürzt und übersetzt von Sigrid Thomsen, erschien am 1.5.2007 im Online-Dienst „India together“, dem für die Nachdruckgenehmigung gedankt wird.
Der volle Text und weitere Informationen über Arbeit und Soziales in Indien: www.indiatogether.org/economy/labour/htm
